Recycling ist nur der drittbeste Weg

Über den Umgang mit Seltenen Erden.

Seltene Erden – vor zehn Jahren wussten wenige, dass es diese Metalle gibt. Seit sie 2010 aber schwer zu bekommen waren, stieg ihr Bekanntheitsgrad enorm an. Seltene Erden sind eine Gruppe von Metallen, beziehungsweise chemischen Elementen wie Neodym und Scandium, die jedoch nicht so selten sind wie es ihr Name suggeriert. Ihr Abbau ist sehr aufwendig und geht mit extremen Umweltschäden einher. Es entstehen giftige Substanzen, radioaktive Abfälle und Einträge ins Grundwasser.

Negative Auswirkungen auf Lebensbedingungen bleiben beim Abbau von Seltenen Erden nicht aus. Aus diesem Grund haben sich einige Länder aus dem Abbau zurückgezogen, trotz eigener Vorkommen. Unter anderem durch diesen Rückzug hat China eine große Marktmacht erlangt, welche ausschlaggebend dafür war, dass Deutschland und die EU in den Jahren 2010 und 2011 ihre Rohstoffstrategie weiterentwickelt haben. 95 Prozent der Seltenen Erden kommen aus China und werden vor allem genutzt für Photovoltaikmodule, LED-Lampen, Smartphones, Laptops und Tablets. Sollte Recycling nun die Lösung sein, um die Nutzung der Seltenen Erden zu ermöglichen, Umweltschäden vorzubeugen und gleichzeitig von China unabhängiger zu werden? Nein, es ist nur der drittbeste Weg.

Ressourcenkonsum reduzieren, Nutzung maximieren

Angesichts der vielen Menschenrechtsverletzungen und teils irreversiblen Umweltschäden, die im Kontext der Extraktion von Seltenen Erden entstehen, darf mit den Ressourcen nicht verschwenderisch umgegangen werden; und der Rohstoffabbau muss minimal gehalten werden. Um eine maximale Nutzung der Seltenen Erden sowie auch der anderen verbauten Metalle zu gewährleisten, müssen Produkte, die diese beinhalten, lange genutzt, repariert und wiederverwendet werden. So sieht es auch die deutsche Abfallhierarchie vor. Von unseren Alltagsgegenständen enthalten insbesondere Smartphones, Laptops und Tablets diese Rohstoffe. Leider gibt es viele Unternehmen, die eine kurze Nutzungsdauer von Produkten gezielt vorantreiben. Eingebaute Verschleißteile, Softwareinkompatibilität mit älterer Hardware sind zu nennen. Aggressives Marketing von Mobilfunkherstellern  – etwa von Vodafone oder der Telekomtochter Congstar – suggeriert, dass wir jährlich unser Handy wechseln sollen. Viele Geschäftsmodelle basieren gerade auf diesem schnellen Wechsel.

Die deutsche Politik fördert nicht etwa die langfristige Nutzung, teilweise wird sie sogar entgegen der Vorschriften der EU behindert. Aktuell wird dies im Kontext des Elektronikaltgerätegesetzes (ElektroG) deutlich. So will die deutsche Regierung nicht zulassen, dass im Normalfall noch funktionierende Geräte an den Abfallsammelstellen für eine erneute Nutzung separiert werden. Leider nimmt sie auch nicht die Chance wahr, mit diesem Gesetz vorzuschreiben, dass Akkus zerstörungsfrei ausgetauscht werden können. Dadurch wird ein Problem verschärft, das Wiederverwendungsbetriebe schon heute haben – der Zugang zu Altgeräten, die aufbereitet werden könnten, wird weiter behindert. Auf intelligente Weise könnten aus kaputten Geräten jedoch auch Ersatzteile gewonnen werden, die für Reparaturbetriebe große Mangelware sind. Stattdessen sinkt die Zahl der Reparaturbetriebe. Nachhaltige Politik müsste der Verschwendung von Rohstoffen entgegenwirken, anstatt sie zu fördern. Der Zugang zu Ersatzteilen zu angemessenen Preisen ist hierfür eine Voraussetzung, die die Politik auf verschiedenste Weise ermöglichen muss.

Recyceln statt Schürfen

Gemäß der in Deutschland geltenden Abfallhierarchie ist Recycling von Produkten die drittbeste Lösung nach der Abfallvermeidung, welche durch Reparatur von Geräten stattfinden könnte, und nach der Wiederverwendung von Produkten. Trotzdem brauchen wir auch große Anstrengungen für diese drittbeste Lösung, denn gegenüber einer Primärrohstoffförderung ist Recycling vorzuziehen.

In einem durchschnittlichen Smartphone befinden sich beispielsweise laut einer Studie des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen etwa 6,3 Gramm Kobalt, 0,03 Gramm Gold und 0,05 Gramm der Seltenen Erde Neodym. Aufgrund dieser geringen Mengen erscheint das Ressourcenschonungspotenzial zunächst gering. Allerdings ist der Metallgehalt in einem Smartphone um ein Vielfaches größer als im Erz, in dem es vorkommt. Elf Kilogramm Smartphones enthalten die gleiche Menge Gold wie eine Tonne Golderz. Bei Seltenen Erden ist dieses Verhältnis noch frappierender. Eine ambitionierte Förderung dieses Bereiches ist dementsprechend unabdingbar, denn vieles – von der Sammlung bis zu den Recyclingprozessen – ist noch verbesserbar.

Hindernisse für das Recycling

Nur circa ein Drittel des europäischen Elektroschrottes wird fachgerecht recycelt. Bei Seltenen Erden ist die Recyclingquote besonders gering. Doch auch bei Gold und Kupfer werden die technisch möglichen Recyclingraten von bis zu 95 Prozent bei weitem nicht erreicht.

Dies hat verschiedene Ursachen: Beim Recycling von Mobiltelefonen ist ein essentieller Faktor, dass es kein gut funktionierendes Sammelsystem gibt. Viele Geräte verstauben entweder in den Schubladen der Verbraucher oder landen im Restmüll. Große Mengen an Elektroschrott werden zudem illegal ausgeschifft – ein Problem, das auch mit dem ElektroG 2 ab 2016 nicht behoben wird. Zum einen können Verbraucher nach diesem Gesetz nicht in allen Elektronikverkaufsstellen ihre Altgeräte zurückgeben, sondern nur in Geschäften mit einer Verkaufsfläche von 400 Quadratmeter, was die Sammelquoten voraussichtlich nicht deutlich erhöhen wird. Hinzu kommt – und das ist noch schwerwiegender – dass Produkte immer häufiger so gebaut werden, dass sie schwer auseinander genommen werden können. So macht etwa die Miniaturisierung und Verklebung von Akkus ein Recycling immer schwerer. Drittens kommen die Metalle in Verbindungen vor, was es dann schwer macht, sortenreine Materialströme zu erreichen.

Poltische Prozesse hin zu einer Kreislaufwirtschaft

Aktuell gibt es einige politische Prozesse, die genutzt werden können, um eine nachhaltigere Ressourcennutzung und eine Kreislaufwirtschaft zu fördern. Ein Wertstoffgesetz kann hier weitere Weichen stellen, und die Ökodesign­richtlinie auf europäischer Ebene bietet ein erhebliches Potenzial. So könnten Produktanforderungen verankert werden, die zu einer besseren Reparierbarkeit und einer längeren Lebensdauer von Produkten beitragen.

Große Bedeutung könnte auch der Kreislaufwirtschaft-Aktionsplan auf EU-Ebene erlangen. Aktuell laufen bis zum 20. August 2015 Konsultationen hierzu, in die sich jeder einbringen kann. Hier sollten insbesondere Anforderungen an die Produktkonzeption eine wichtige Rolle spielen. Deutschland sollte sich für einen ambitionierten Plan stark machen. Externalisierung von Umweltschäden und Missachtung von Menschenrechten müssen dabei gestoppt werden. Denn solange die EU und Deutschland, wie in ihren Rohstoffstrategien festgehalten, aggressiv gegen Exportbeschränkungen vorgehen, solange sie Rohstoff- oder Handelsabkommen dafür nutzen, um an Rohstoffe zu kommen, ohne dabei verbindlich Menschenrechts- und Umweltstandards festzuschreiben, wälzen sie Umweltschäden und Menschenrechtsverstöße auf andere ab. Wenn eine immer riskantere Förderung von Rohstoffen – etwa im Tiefseebergbau – vermieden werden soll, dann müssen eine Senkung des Rohstoffverbrauchs sowie eine Recyclingstrategie oberste Prioritäten sein. Nicht aber Bürgschaften für sehr problematische Förderungen von Rohstoffen.

Johanna Sydow

Die Autorin arbeitet als Referentin für Ressourcenpolitik und IT-Branche beim Germanwatch e.V. Der Beitrag ist erstmalig im Rundbrief des Forums Umwelt & Entwicklung erschienen. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

-Meinung-

Foto: Dr. Jürgen Kroll

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