Schrottmarktbericht Oktober 2015: Das ungute Gefühl wächst

Bei erfreulich guter Nachfrage der Verbraucher begann sich der Markt für den Schrotthandel Anfang September noch relativ positiv zu entwickeln. Die für den Herbstbeginn traditionell vorhandene Hoffnung auf steigende Preise hatte sich wegen des Preisverfalls auf dem Weltmarkt bereits Ende August verflüchtigt. Erwartet wurden stattdessen wegen der nach wie vor guten Auftragslage der deutschen Stahlwerke unveränderte bis leicht schwächere Preise. Diejenigen, die direkt am Monatsanfang ihre Mengen platzieren konnten, mussten mit rund fünf Euro pro Tonne die geringsten Abschläge hinnehmen.

Im Verlauf des Monats wurde der Markt weicher, und die Verbraucher konnten höhere Abschläge durchsetzen, zumal die Lieferbereitschaft des Handels proportional stieg. Je nach Werk, Sorte und Ausgangsbasis im Vormonat lagen die Abschläge für September bei fünf bis 20 Euro pro Tonne, woraus sich eine weite Spreizung bei den Einkaufspreisen entwickelte. Für nächsten Monat ist daher eine entsprechende Anpassung zu erwarten. Die Marktabschwächung veranlasste insbesondere Abnehmer, die frühzeitig und damit ungünstiger eingekauft hatten, Mengenbegrenzungen auszusprechen und/oder ihre Verweigungs-Intensität deutlich zu erhöhen. Einschränkend ist zu erwähnen, dass der Schrottbedarf im Westen Deutschlands übersichtlich war. Hier spielten verschiedene Faktoren wie ausreichender eigener Entfall, Reparaturarbeiten oder Bilanzkosmetik wegen anstehender Geschäftsjahresabschlüsse eine Rolle.

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien. (Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Berechnet auf der Basis der Durchschnittspreise in Euro/Tonne für die Länder Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien. (Basisjahr 2001 = 100), Quelle: EUROFER

Nachbarländer
Die italienischen Werke haben die Schrottimportpreise um 15 bis 20 Euro pro Tonne zurückgenommen, wobei die Stimmung im Markt überaus pessimistisch ist. Die Probleme beim Fertigstahlabsatz wachsen, denn neben dem Druck durch billige chinesische Stahlangebote leidet die Wirtschaft des wichtigen Abnehmers Algerien unter dem niedrigen Ölpreis. Der Staat muss seine Ausgaben kürzen, wovon unter anderem die algerischen Banken betroffen sind. Sie haben zum Beispiel die Exportfinanzierungen deutlich zurückgefahren, sodass Stahlverbraucher kaum noch importieren können.

Die betroffenen italienischen Betonstahlproduzenten reagieren mit einer entsprechenden Produktionsanpassung, sodass sich der Schrottzukauf-Bedarf aus Deutschland teilweise im Rahmen von Kontaktmengen bewegte. Die schleppende Bezahlung bei sowieso schon überlangen Zahlungszielen belastet die Beziehungen des Schrotthandels zu einzelnen Abnehmern zusätzlich. Wegen des geringen Bedarfs ist zudem das Inlandsschrottangebot entsprechend hoch. Unabhängig von der aktuellen Marktlage haben die zuständigen staatlichen ILVA-Vertreter Mitte September den Auftrag zur Modernisierung der Hochofenanlagen an Paul Wurth SA, Luxemburg vergeben. Innerhalb der nächsten 12 Monate werden die Modernisierungsarbeiten realisiert.

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Deutschland, Basisjahr 2010 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis

Die beiden Stahlwerke in der Schweiz waren gut beschäftigt. Für Importschrotte zahlten sie gegenüber dem Vormonat rund 10 Euro pro Tonne weniger, bei normalem Zukaufbedarf. Das war insofern erfreulich, als im August kaum Mengen in Deutschland gekauft wurden. Der Verbraucher in Luxemburg deckte sich gleich zum Monatsanfang ein mit Abschlägen je nach Sorte von fünf bis sieben Euro pro Tonne, zeigte jedoch dann das oben bereits beschriebene Annahmeverhalten. In Frankreich erreichten die Abschläge im Durchschnitt ebenfalls 15 Euro pro Tonne. In den Niederlanden sind die Preise je nach Sorte um zehn bis 15 Euro pro Tonne gesunken. Wegen des intensiven Wettbewerbs um die Schrottmengen leiden sowohl die Scheren- als auch die Shredderbetreiber unter einer ungenügenden Auslastung. Ebenfalls zehn bis 15 Euro pro Tonne erhielten polnische und tschechische Lieferanten. Die gelieferte Menge entsprach der des Vormonats. Nach wie vor schätzen die Anbieter die problemlose finanzielle Abwicklung der Lieferungen durch die deutschen Abnehmer höher ein als möglicherweise bessere Preise im eigenen Land.

Quelle: bvse

Quelle: bvse

Gießereien
Die Nachfrage der Gießereien wurde vom Handel als zufriedenstellend beschrieben. Je nach Produktionsprogramm ist der Bedarf jedoch sehr unterschiedlich. Während diejenigen, die für die Automobil- und Windkraftindustrie produzieren, gut beschäftigt sind, müssen beispielsweise die Vorlieferanten für den Maschinenbau mit einer schwächeren Auftragslage zurechtkommen. Der Handel meldete für frei verhandelte Mengen je nach Werk und Sorte Preise von unverändert bis zu Abschlägen von zehn Euro pro Tonne.

Abwärtsspirale dreht sich weiter
Der Preis- und Mengendruck auf dem Weltmarkt sowohl bei den Rohstoffen als auch den Fertigstählen hält unvermindert an. Lange hatte die hohe Schrottnachfrage die Schrottpreise gestützt, während sich alle anderen Rohstoffpreise bereits auf Talfahrt befanden. Die türkischen Verbraucher, die rund 70 Prozent ihres Rohstahls über die Elektroofenroute erzeugen, hatten versucht dem Trend durch eine geringere Schrottnachfrage und eine verminderte Produktion in den Elektrostahlwerken entgegenzuwirken (siehe hierzu die Tabelle). Vom 21. August 2015 bis Mitte September haben türkische Werke im Tiefseemarkt laut der internationalen Presse knapp 1 Million Tonnen Schrott bestellt; dabei ist es ihnen durch geschicktes Einkaufsverhalten gelungen, das Preisniveau deutlich nach unten zu drücken, indem sie immer dort kauften, wo es gerade am günstigsten war. Mittlerweile liegt der Index gemäß Grafik bei nur noch rund 198 US-Dollar pro Tonne. Aus der EU (28) haben die Schrottimporte in die Türkei im Monatsvergleich Juli 2015 zu 2014 um rund 237.000 Tonnen auf 569.000 Tonnen abgenommen, im Vergleich zu Juli 2013 sogar um knapp 500.000 Tonnen.

Türkische Produktions-und Verbrauchsdaten in Millionen Tonnen (Quelle: www.steeldata.com, Tabelle: bvse)

Türkische Produktions-und Verbrauchsdaten in Millionen Tonnen (Quelle: www.steeldata.com, Tabelle: bvse)

Schlussbemerkungen
Das lange befürchtete Szenario, dass die Schrottnachfrage die Preisentwicklung nicht mehr stützt, scheint nun real zu werden. Seit Juli haben die Preise in Deutschland durchschnittlich rund 50 Euro pro Tonne eingebüßt und sich damit dem Druck des Weltmarkts beugen müssen. Darauf, ob der Schrottbedarf weitere Preisanpassungen verhindern kann, darf man gespannt sein. Vielleicht besinnt sich der deutsche Handel wegen des ruinös geführten Wettbewerbs doch noch auf die früher in der Schrottwirtschaft geltende goldene Regel: Das Geld wird im Einkauf verdient. In Großbritannien und in den USA sind zum Beispiel die Preise für Mischschrotte überproportional zurückgenommen worden, ohne dass der Zufluss gestoppt wurde.

Redaktionsschluss 21.09.2015, BG-J/bvse

(Alle Angaben/Zahlen ohne Gewähr)

Foto: O. Kürth

(EUR1015S28)