Tschechien verstärkt den Modernisierungsprozess seiner Abfallwirtschaft

Noch immer gelangt über die Hälfte des Siedlungsabfalls auf Halden. Bis 2024 gilt es, die Deponierungsquote auf zwölf Prozent zu senken. Wiederverwendbare Bestandteile dürfen dann nicht mehr abgelagert werden.

Das sieht der nationale Abfallwirtschaftsplan vor. Nach Angaben des tschechischen Umweltministeriums fallen in Tschechien jährlich über 30 Millionen Tonnen Abfälle an, davon fünf Millionen Tonnen kommunale Siedlungsabfälle. Die von Eurostat als Vergleichswerte verwendeten Zahlen des tschechischen Statistikamtes sind etwas niedriger. So produzierte das EU-Mitglied nach dem letzten Stand 2013 etwa 23,4 Millionen Tonnen Abfälle, davon 3,2 Millionen Tonnen kommunale Abfälle. Pro Kopf fielen in den tschechischen Haushalten 307 Kilogramm Abfall an und damit deutlich weniger als im EU-Durchschnitt (481 Kilogramm). Das liegt zum einen daran, dass die Wegwerfmentalität in Tschechien noch weniger ausgeprägt ist als in Westeuropa, zum anderen an abweichenden Berechnungsmethoden.

Auch wenn die Wirtschaftsleistung derzeit stark anzieht, erwartet das tschechische Umweltministerium für die kommenden Jahre keine größere Zunahme des Abfallvolumens. Dafür will Tschechien die Wiederverwertungsquoten erhöhen. Bislang wird erst ein Drittel des Hausabfalls recycelt. In zehn Jahren sollen es 44 Prozent sein. Bei der Kompostierung der biologischen Bestandteile ist ein Anstieg von fünf (2013) auf 16 Prozent geplant. Außerdem sollen dann 28 Prozent der Siedlungsabfälle energetisch genutzt werden. Im Jahr 2013 lag hier der Anteil bei zwölf Prozent.

Energetische Verwertung: Fragliche Renditeaussichten

Um die Rentabilität der Abfallwirtschaft zu verbessern und mehr Anreize zur Abfallvermeidung und -trennung zu schaffen, will das Umweltministerium die Abfallgebühren von derzeit 500 Tschechische Kronen (etwa 18,50 Euro) je Tonne erhöhen. Nach Schätzungen des tschechischen Abfallverbands CAOH würde die Recyclingquote schon ab 700 Tschechische Kronen deutlich steigen. Ab 1.000 Tschechischen Kronen würde sich die energetische Nutzung der Abfallmengen rechnen. Gemäß Abfallwirtschaftsplan sollen bis 2024 rund 1,5 Millionen Tonnen Hausabfall zur Energiegewinnung verwertet werden. Das wäre mehr als doppelt so viel wie derzeit und entspräche einem Drittel des gesamten kommunalen Abfallvolumens.

Gegenwärtig gibt es in Tschechien drei größere Anlagen, die alle älter als 15 Jahre sind: in Prag (Jahreskapazität 270.000 Tonnen), Brno (224.000 Tonnen) und Liberec (100.000 Tonnen). Eine neue Anlage für 95.000 Jahrestonnen in Chotikov bei Plzen steht kurz vor der Fertigstellung. Daneben hat der größte Energiekonzern des Landes, CEZ, Interesse an einer Müllverbrennung an seinem Kraftwerksstandort Melnik bekundet. Veolia Energie CR plant Medienberichten zufolge eine Müllverbrennung in Prerov und die Energieholding EPH in Komorany bei Most für 150.000 Jahrestonnen. Die Nähe zu Deutschland, wo es Überkapazitäten für die Müllverbrennung gibt, lässt die Renditeaussichten der Neubauvorhaben aber fraglich erscheinen.

Verpackungsrecycling zu 72 Prozent

Neben der Verbrennung steht die Wiederverwertung im Fokus des tschechischen Abfallwirtschaftsplanes. Bis 2024 könnte das Volumen der zu verwertenden Siedlungsabfälle um ein Viertel auf 2,3 Millionen Tonnen pro Jahr steigen. Bei Verpackungen erfüllt Tschechien die selbst gestellten Anforderungen bereits. Ziel bis Ende 2013 war ein Recyclinganteil von 55 Prozent. Tatsächlich wurden laut Umweltministerium 72 Prozent aller Verpackungen dem Recycling zugeführt: 88 Prozent Papier, 76 Prozent Glas und 68 Prozent Kunststoffverpackungen. Allerdings sind die Verarbeitungskapazitäten noch unzureichend, weshalb ein Großteil der eingesammelten Verpackungsabfälle exportiert wird, bei Kunststoffen überwiegend als Granulat.

Nachholbedarf gibt es im Bereich der biologischen Abfälle, die seit 2015 getrennt gesammelt werden müssen. Die meisten größeren Städte beschränken sich jedoch darauf, zentrale Sammelhöfe einzurichten, die kaum genutzt werden. Der Aufbau von flächendeckenden Sammelsystemen mit Biotonnen kommt nur langsam voran. Ähnlich ist die Situation bei Metallabfällen, für die Tschechiens Kommunen seit 2015 ebenfalls Recyclinghöfe einrichten müssen. Um die wachsende Menge der erfassten Bioabfälle verarbeiten zu können, sind Investitionen in die Kompostierkapazitäten notwendig. Entsprechende Vorhaben werden zurzeit unter anderem in Turnov, Domazlice und Klatovy realisiert. Im Bereich Autoentsorgung ist mit mehr Aufträgen für die gut 500 Abwrackstationen im Land zu rechnen. Wegen des hohen Durchschnittsalters des tschechischen Fuhrparks plant die Regierung Anreizsysteme zum Stilllegen alter Fahrzeuge.

In der Fläche gut organisiert

Die Abfallsammlung und -verarbeitung ist in Tschechien in der Fläche gut organisiert. Landesweit gab es Mitte 2014 gemäß Abfallwirtschaftsplan 178 größere Deponien. Sie hatten freie Kapazitäten von über 30 Millionen Kubikmeter. Gefährliche Abfälle können auf 25 Deponien eingelagert werden, die über ein freies Fassungsvermögen von 6,5 Millionen Kubikmeter verfügen. Weiterhin gibt es 500 Annahmestellen für Autowracks, etwa 190 Kompostier- und 480 Sortieranlagen. Das Abfallgeschäft wird dabei häufig von ausländischen Gesellschaften kontrolliert. Umsatzstärkstes Unternehmen ist die Tochterfirma der auf Schrottrecycling spezialisierten TSR Group. Bei kommunalen Abfällen gehört die spanische FCC Group mit ihrer Tochtergesellschaft .A.S.A. zu den führenden Entsorgern. Sie kümmert sich um den Abfall von 1,2 Millionen  Tschechen und fast 19.000 Unternehmen. A.S.A. betreibt zwölf Deponien sowie zahlreiche Sortier- und Kompostieranlagen. Die dänische Marius Pedersen ist vor allem in Nordböhmen und in der Region Plzen aktiv. Schwerpunkt sind Gefahrenstoffe und ökologische Altlasten. Sita CZ gehört zur französischen Suez Environnement und betreibt mehrere Deponien, Verbrennungsanlagen und Kompostierstationen.

Geschäft regional zum Teil monopolisiert

Seit 2013 in tschechischer Hand ist das Entsorgungsunternehmen AVE CZ, nachdem es von der Prager Holding EP Industries übernommen wurde. Es bedient 1,5 Millionen Kunden und betreibt acht Deponien. AVE hat 2014 das Unternehmen MPS hinzugekauft, das im Prager Umland im Abfallgeschäft tätig ist. Dominierendes Abfallunternehmen in der Hauptstadt ist Prazske Sluzby, das auch die dortige Müllverbrennungsanlage betreibt. Die Sammlung und Weiterverarbeitung von Verpackungsabfällen dominiert weiter das Unternehmen Eko-Kom. Einen Markteintritt der Alba Group über ihre Tochter Interseroh hat das tschechische Umweltministerium Anfang 2015 abgelehnt.

Grundsätzlich ist Tschechien für ausländische Investoren in der Abfallwirtschaft sehr offen. Die Branche gehört zu den vorrangigen Zielen für Mittel aus EU-Fonds, sodass auch künftig hohe Investitionen in die Sanierung von Deponien sowie in den Aufbau von Sammel-, Sortier- und Verarbeitungskapazitäten fließen dürften. Allerdings ist das Abfallgeschäft regional zum Teil monopolisiert. Bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen für Entsorgungsvorhaben kommt es zuweilen zu Unstimmigkeiten und Verzögerungen. Die Verfahren sind nicht immer transparent.

Verfasser: Gerit Schulze
Quelle: Germany Trade & Invest

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