„Der Trend geht eindeutig in die Rückgewinnung“

Mit aktuell 48 Mitarbeitern am Unternehmensstandort in Minsleben, Sachsen-Anhalt bietet die HRV GmbH ein breites Servicespektrum rund um die Altreifenentsorgung und -verwertung in Nord- und Mitteldeutschland an. Der moderne Familienbetrieb unterhält einen flexibel einsetzbaren Fuhrpark für jede Anforderung und stellt auch Container für die Reifensammlung vor Ort beim Kunden bereit. Ein Firmenporträt, zu dem sich Fragen an HRV-Geschäftsführer Sascha Kühnel ergeben haben. 

Die HRV GmbH startete 1994 als Entsorgungsdienstleister für Altreifen. Längst erstrecken sich hier die Entsorgungsgebiete des Unternehmens über Sachsen-Anhalt hinaus und umfassen heute auch die Bundesländer Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen sowie Bremen und Hamburg. Ende 2010 wurde außerdem das Portfolio um Reifenzerkleinerungstechnik erweitert. Drei Jahre später konnten am Standort bereits 12.000 Tonnen Reifen (Jahrestonnage 2013) zerkleinert werden. Die zerkleinerten Reifen gehen an verschiedene Partner aus der Industrie. Dort entstehen dann Gummigranulat für den Sportstättenbau, Textilflusen für die Produktion von Kunststoffteilen im Fahrzeugbau und nicht zuletzt hochwertiger Stahl, der natürlich in der Stahlindustrie verschmolzen wird. Ein weiteres Segment, das HRV gleichzeitig aktiv bedient, ist der Wiedereinsatz: Karkassenhändler werden beliefert, die die Karkassen mit neuen Profilen versehen, sodass der Reifen ein zweites Leben bekommt.

Bei der Entsorgung und Verwertung der Altreifen setzt das Familienunternehmen auf flexible Lösungen, die auch sehr kurzfristig und selbst in dringenden Fällen für die Kunden ermöglicht werden. Für nahezu sämtliche Anfallmengen an Altreifen bietet die HRV GmbH ein Entsorgungskonzept. Und erstellt auf Wunsch auch Entsorgungsnachweise. Der Fuhrpark setzt sich unter anderem aus Containerfahrzeugen, 12-Tonner-Zügen, 7,5-Tonner und Sprinter zusammen. Auch kleinere Lkw können zur Anfahrt auf engem Gelände bereitgestellt werden. Die Flotte ist dabei komplett mit der „Grünen Umweltplakette“ ausgestattet. Damit steht einer direkten Altreifenentsorgung in Stadtgebieten mit Umweltzonen nichts entgegen. Und Abrollcontainer und Reifen-Gitterboxen stehen ohnehin zur Verfügung.

Herr Kühnel, das Portfolio der HRV GmbH umfasst seit gut fünf Jahren auch Reifenzerkleinerungstechnik. Welche Anlagentechnologien für welche Verwertungswege kommen bei Ihnen zum Einsatz?

Die verschiedenen Fraktionen an Altreifen erfordern auch verschiedene Behandlungen. Prinzipiell verfolgen wir das Ziel, sämtliche Reifen zu zerkleinern und somit einer stofflichen Verwertung zuzuführen. Dazu kommen bei der HRV GmbH Scheren, Pressen, Siebe, Entwulster und natürlich auch Zerkleinerer zum Einsatz. Nicht jeder Reifen kann sofort durch einen Zerkleinerer laufen; manche Reifen müssen dafür vorbereitet werden. Sie werden im ersten Schritt zerteilt oder von etwaigen Stahlbestandteilen wie Felgen oder massiven Wulstbändern befreit.

Wie planen Sie die verschiedenen Verwertungswege für Ihre Endprodukte und nach welchen Kriterien?

Wie schon erwähnt, legen wir den Fokus auf eine stoffliche Verwertung. Ein weiterer wichtiger Punkt unserer Planung ist natürlich der Kundenwunsch. Dabei stehen die Größe des Materials und die stoffliche Zusammensetzung im Mittelpunkt der Kundenwünsche. Darauf haben wir uns eingerichtet und sind froh, damit langfristige Partnerschaften geschlossen zu haben.

HRV gewinnt aus Altreifen Öl durch Pyrolyse sowie verschiedene Ruße, die von der Chemieindustrie als Ausgangsstoff für – wie es heißt – artähnliche weitere Produkte dienen. Was ist das Besondere an Ihrem Verfahren?

Das macht die HRV GmbH derzeit nicht selbst. Wir arbeiten mit verschiedenen Anlagen in diesem Bereich zusammen und forschen gemeinsam an den effizientesten Stückgrößen und Materialzusammensetzungen, um den Prozess ökonomisch zu gestalten. Die Entwicklung dort verfolgen wir gespannt.

Nach welchen Qualitätskriterien produzieren Sie für Ihre Kunden in der Chemieindustrie?

Wir erhalten strenge Vorgaben, welche Stoffe in den Ausgangsprodukten enthalten sein dürfen. Die weiterverarbeitende Chemieindustrie hat verschiedene Stoffe in verschiedene Reifenfraktionen identifiziert. Unsere Aufgabe ist es, die einzelnen Reifenfraktionen zu identifizieren, zu trennen und separat vorzuhalten. Klingt einfach, ist jedoch in der Praxis sehr anspruchsvoll.

Welche unternehmerischen Ziele haben Sie sich für die nächsten Jahre gesetzt?

Der Markt ist ständig in Bewegung. Mein unternehmerisches Ziel ist es, Tendenzen rechtzeitig zu identifizieren und die HRV GmbH möglichst zeitnah darauf auszurichten, um unsere gute Marktposition in Nord- und Mitteldeutschland zu festigen und auszubauen. Wir planen weiterhin, in effiziente Recyclingtechnik zu investiven. Ziel der Investitionen ist es, unsere Prozesse weiter optimieren zu können. Damit versprechen wir uns kontinuierliches Wachstum. Eventuell bieten sich für uns weitere Möglichkeiten, auch auf andere europäische Märkte zu expandieren. Darüber hinaus möchten wir unseren langjährigen Partner weiterhin einen stabilen, transparenten und zuverlässigen Service gewährleisten. Dies ist gerade im Abfallmanagement mit all seinen Facetten nötig und wichtig.

Wie schätzen Sie angesichts der momentanen wirtschaftlichen Großwetterlage Ihre Chancen ein, diese Ziele erreichen zu können?

Die Konjunktur war aus unserer Sicht in den letzten Jahren stabil, mit Tendenz einer Zunahme des Altreifenaufkommens. Aus diesem Grund schätze ich die Voraussetzungen, unsere strategischen Ziele zu erreichen, als positiv ein. Was ich mir nun wünsche, ist ein knackiger Winter. Die letzten zwei Jahre war es bei uns im Norden eher mild. Dies würde uns zumindest operativ helfen, die Stoffströme weiter anwachsen zu lassen. Wir arbeiten auch weiter daran, unsere Kunden für ihre Verantwortung den Altreifen gegenüber zu sensibilisieren.

Welche Ausbildungsmöglichkeiten und Berufsperspektiven – Stichwort Nachwuchsförderung – bieten Sie jungen Menschen in Ihrem Unternehmen?

Wir bieten derzeit eine Ausbildung zum Fachlageristen an. Darüber hinaus haben wir gute Erfahrungen mit Quereinsteigern oder auch Umschulungen gemacht. So finanzieren wir beispielsweise Führerscheine und Qualifikationen für Mitarbeiter, die gerne in unserer hauseigenen Logistik tätig werden möchten.

In welchen Bereichen haben Sie Bedarf an qualifizierten Fachkräften oder müssen Sie sogar mit Fachkräftemangel kämpfen?

Wie schon eben erwähnt, ist es derzeit nicht einfach, an Kraftfahrer zu kommen. Auch aus diesem Grund greifen wir hier gern auf eigene zuverlässige Mitarbeiter zurück und qualifizieren diese. Darüber hinaus sind wir gezwungen, für unsere Sortiertätigkeiten Mitarbeiter selbst auszubilden. Da wir in einem doch sehr speziellen Markt tätig sind, existieren dafür keine Ausbildungsberufe. Wir bilden also den Großteil unserer Spezialisten selbst aus.

Der Arbeitsentwurf zum neuen Wertstoffgesetz in Deutschland lässt noch auf sich warten. Welche branchenrelevanten Themen sollte es in Ihrer Vorstellung noch aufgreifen?

Eine Festlegung von verbindlichen Quoten für die stoffliche Verwertung. Diese sollte jedoch realistisch umsetzbar und praktikabel sein. Dass die Erreichung dieser Quote dann auch zu einer Voraussetzung für die Erlangung des EFB-Zertifikates gemacht wird. Damit verbunden, die zentrale Vergabe von Entsorgungsfachbetriebezertifikaten. Dadurch wird es meines Erachtens, schwarzen Schafen deutlich erschwert, Tätigkeiten als Entsorgungsdienstleister aufzunehmen. Ein transparentes EFB-Zertifikat führt auch dazu, dem Abfallerzeuger mehr Sicherheit bei der Einhaltung seiner Abfallverantwortung zu geben. Wir als Beförderer und Verwerter der Abfälle werden mehrmals jährlich von den zuständigen Behörden kontrolliert. Eine ähnliche Überwachung würden wir uns auch für sämtliche Anfallstellen wünschen. Und noch ein letzter Vorschlag: Es könnten auch steuerliche Anreize geschaffen werden, um eine stoffliche Verwertungsquote zu erreichen beziehungsweise zu fördern.

Foto: HRV

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Welche Probleme sollte das neue Wertstoffgesetz – speziell aus Ihrer Sicht – lösen können?

Schlagwort „verursacherbezogene Gebühren“: Ich würde mir wünschen, dass vertiefend über die Installation von verursacherbezogenen Abfallgebühren gesprochen wird beziehungsweise dafür Lösungsvorschläge am Ende des Tages auf dem Tisch liegen, mit denen alle Beteiligten leben können. Mehr Beachtung sollte meiner Meinung nach auch die „Lebenszyklusorientierung“ bekommen. Kann ein Abfallprodukt sofort wieder in den Wirtschaftskreislauf zur Wiederverwendung eingeführt werden, sollte es dafür einfache Regeln geben, dieses Produkt aus dem Abfallregime zu entlassen.

Wie entwickelt sich nach Ihrer Beobachtung der Markt für eine Kaskadennutzung von Reifen in Deutschland und Europa?

Der Trend geht eindeutig in die Rückgewinnung der enthaltenen Materialien eines Reifens. Das sind Gummi, Stahl und Textil. Für alle drei Hauptbestandteile des Reifens gibt es eine Wiederverwendungsmöglichkeit. Einige Bewegungen gibt es in der Forschung, Bestandteile des Reifens als Ersatzmaterial für andere Produkte in Umlauf zu bringen. Das fängt bei Schuhsohlen aus Reifenlauflächen an und endet in der Fantasie der Verfahrenstechniker der Indus­trie. Dazu darf ich aber an dieser Stelle nicht mehr sagen.

Warum wird nach Ihrer Einschätzung der Materialstrom bis heute überwiegend einer energetischen Verwertung zugeführt?

Das hängt hauptsächlich von der Preisbildung für die Verwertung ab. Die stoffliche Verwertung ist meist um ein vielfaches kostenintensiver als die „einfache“ Verbrennung. Das liegt hauptsächlich an den Energie-, Personal-, und Logistikkosten innerhalb Deutschlands. Bei einer stofflichen Verwertung kommen energieintensive Technik, eine ganze Reihe Manpower und reichlich Kilometer auf der Straße zusammen. Nicht jeder Kunde ist bereit, für eine reine stoffliche Verwertung etwas mehr zu bezahlen. Gerade im Süden Deutschlands ist doch die Dichte der „Verbrenner“ recht groß. Dadurch entsteht in gewisser Weise ein Preiskampf für die hochkalorischen Brennstoffe (dies muss im Übrigen nicht immer Gummi sein). Das hilft der stofflichen Verwertungsquote nicht weiter. Aktuell wird jedoch eine ganze Menge an Ersatzbrennstoffen aus dem europäischen Ausland in diese Anlagen verbracht. Ich bin gespannt, ob sich dies mittelfristig auf die Verteilung der Stoffströme auswirkt.

Was erhoffen Sie sich für Ihre Branche von einer „ambitionierteren“ Kreislaufwirtschaftspolitik, wie sie die neue EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker angekündigt hat?

Sollte ich dazu einen Wunsch offen haben, würde ich mir eine noch höhere Abfallverantwortung bei den originären Anfallstellen wünschen, sodass auch sämtliche entstehenden Abfälle an einen zertifizierten Entsorger übergeben werden. Es ist kein Geheimnis in der Branche, dass hier und da auch schon mal Abfälle an nichtzertifizierte Entsorger (sogenannte „Fliegende Händler“) abgesetzt werden. Darüber hinaus würde ich mir Regelungen wünschen, dass die Entsorgungsgebühren, die beispielsweise ein Pkw-Besitzer in der Werkstatt entrichtet, auch beim eigentlichen Verwerter ankommen.

Herr Kühnel, vielen Dank für das Interview!

Sascha Kühnel studierte nach seiner kaufmännischen Ausbildung Wirtschaftsinformatik und gehört der HRV GmbH seit 2005 an. Im Jahr 2010 übernahm er die Geschäftsführung des Familienunternehmens. Die Fragen stellten Marc Szombathy und Dr. Jürgen Kroll.

www.hrv-gmbh.de

Foto: HRV

(EUR1015S15)