Kaskadennutzung von Altreifen: Wann kann man davon sprechen?

Dass Altreifen in Europa zu 95 Prozent recycelt werden, trifft bei weitem nicht zu. Von einer Kaskadennutzung kann wenig bis kaum die Rede sein. Verarbeitet zu Granulaten und Gummimehlen, finden Altreifen bestenfalls als Zuschlagstoff und größtenteils zur Energiegewinnung Verwendung. Dabei lassen sich längst vielerlei hochwertige Produkte aus dem aufbereiteten Werkstoff Gummi herstellen. Die Industrie braucht nur zuzugreifen.    

Nach dem letzten Jahresbericht 2014 der GAVS – Gesellschaft für Altgummi-Verwertungs-Systeme mbH sind die Altreifenmengen in Deutschland erneut zurückgegangen. Aktuelle, das heißt ebenfalls auf das Jahr 2014 bezogene Daten zum Altreifenaufkommen in der EU-28 und Gesamteuropa liegen offenbar noch nicht vor. Laut der European Tyre Recycling Association (ETRA), werden – Stand 2013 – europaweit jährlich etwa drei Millionen Altreifen von Fahrzeugen demontiert und einer Verwertung zugeführt.

Mit 571.000 Tonnen lag in der Bundesrepublik die Gesamtmenge an Altreifen zur Weiterverwendung und Verwertung 2014 zwei Prozent unter dem bereits niedrigen Vorjahresvolumen von 582.000 Tonnen. Auch sind der jährlichen Erhebung der GAVS im Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V. zufolge weniger neue und runderneuerte Reifen auf Fahrzeugen montiert worden: „Seit vier Jahren in Folge ist die Anzahl ersetzter Reifen nun rückläufig. Die Importe gebrauchter Reifen sind mit 52.000 Tonnen knapp unter der Einfuhrmenge von 2013 geblieben.“ Und der Trend zur stofflichen Nutzung der Ressource Altreifen setze sich fort: „Bei einer merklichen Erweiterung von Anlagenkapazitäten gibt es ein wachsendes Marktpotenzial für Altgummirezyklate und in übersichtlicher Größenordnung für Pyrolysematerialien.“ Die Außenhandelsstatistik unterstreiche hier den hohen Stellenwert des Verwertungsstandortes Deutschland: „Wie schon im Vorjahr sind mehr Altreifen im Inland verblieben, und die Ausfuhr gebrauchter Fahrzeugreifen 2014 um 15 Prozente zurückgegangen.“

Auf welche Art und Weise die 571.000 Altreifen in 2014 mengenmäßig verwertet wurden und wo genau das Marktpotenzial für Gummirezyklate liegt, ist nicht näher zu erfahren. Dem GAVS-Bericht ist lediglich zu entnehmen, dass 34.000 Tonnen Karkassen runderneuert, 10.000 Tonnen im Inland wiederverwendet, 202.000 Tonnen granuliert und zu Gummimehl verarbeitet wurden. Weitere 202.000 Tonnen gingen in die Zementindustrie, 10.000 Tonnen wurden zur energetischen Verwertung und 71.000 Tonnen zur Wieder- und Weiterverwendung exportiert. Die Ausfuhrmenge an runderneuerten Reifen wird mit 39.000 Tonnen angegeben.

Foto: Dr. Jürgen Kroll

Foto: Dr. Jürgen Kroll

Wenn falsche Begriffe Verwirrung stiften

Wohin die restlichen 3.000 Tonnen Altreifen gelangten, entzieht sich der Kenntnis. Und damit zur Verlässlichkeit und Aussagekraft allgemein von Abfallwirtschaftsdaten, die fraglich erscheint. Aus Sicht des Betrachters ist hier neben der Erhebungsmethodik, die oft erhebliche mathematische Unsicherheiten und klaffende Lücken aufweist, vor allem das „Chaos in der Terminologie“ zu nennen: Ist unter stofflicher Nutzung werkstoffliches Recycling zu verstehen? Kann man von Kaskadennutzung sprechen, wenn recycelfähige Rohstoffe zum Zweck der Energiegewinnung verbrannt werden? Schon an anderer Stelle wurde dargelegt, dass Statistiken häufig die stoffliche und energetische Verwertung begrifflich mit Recycling gleichsetzen. Der Begriff Recycling erfährt auch vielfach die gleiche Bedeutung mit Sammlung und Entsorgung. In den USA und Japan zum Beispiel wird zwischen „Recovery“ und „Collection“, also der Rückgewinnung und Sammlung von Materialfraktionen, nicht unterschieden. Die EU-Richtlinien zur Abfallbehandlung und -verwertung wiederum definieren „Recovery“ unbestimmt als „Re-use, Material Recycling, Composting, Energy Recovery, Exports to Similar Purposes“, und in Deutschland bezeichnen Betreiber von Waste-to-Energy-Anlagen ihr Verfahren immer noch gerne und ungeachtet aller Kritik von Recyclingverbänden als „thermisches Recycling”.

Weltweit gibt es somit unterschiedliche und auch falsche Auffassungen darüber, was Recycling überhaupt ist und beinhaltet – nämlich die werkstoffliche Aufbereitung von Rohstoffen aus Abfällen und Altprodukten, um daraus wieder neue Produkte herzustellen. Recyclingquoten lassen sich darüber nicht seriös ermitteln. Dass Statistiken zufolge Altreifen in Europa zu 95 Prozent recycelt werden, trifft nach Branchenerkenntnis bei weitem nicht zu – geschweige denn findet eine Kaskadennutzung über mehrere Stufen statt. Ein Aufsatz jüngeren Datums zum Thema und im Kontext zur Kaskadennutzung von Fahrzeugen stellt fest, dass Altreifen bestenfalls als Zuschlagstoff und größtenteils zur Energiegewinnung in Zementöfen, Zellstoffwerken und Papierfabriken eingesetzt werden. Aufgrund des hohen Heizwerts, so die Autoren des Beitrags, Alexandra Pehlken und Matthias Kalverkamp von der Nachwuchsforschergruppe Cascade Use (siehe Kasten), ist die Mitverbrennung von Altreifen in der Zementindustrie der stofflichen Verwertung unterzuordnen.

Dabei lassen sich längst vielerlei hochwertige Produkte aus Recyclinggummi herstellen – meist im Gemisch mit Kunstoffen, da Recyclinggummi vulkanisiert ist. Granulate und Gummimehle finden in der Produktion von Kunstrasen und Tartanbahnen auf Sportplätzen, Fallschutz-Böden für Kinderspielplätze, Schuhsohlen und dergleichen mehr Verwendung. Auch als Schallisolierung in Fahrzeugtüren, zur Verkleidung dieser oder für Armaturen wird Recyclinggummi in der Automobilindustrie mit eingesetzt. Eine mögliche Kaskadennutzung von Altreifengummi stellt in der ersten Stufe die Gewinnung von Gummi aus der Reifenaufbereitung dar, in der zweiten Stufe die Herstellung von zum Beispiel Schallschutzmatten und in der dritten Stufe die energetische Verwertung.

Substitution: Worauf die Reifenindustrie setzt

In der Neureifenproduktion wird Recyclinggummi bislang wenig bis gar nicht verwendet. Die Einhaltung der Qualität sei aufgrund der verschiedenen Reifenmarken sehr unsicher, äußern die Hersteller Bedenken. Michelin hat allerdings angekündigt, in seinen Produkten künftig 30 Prozent Gummirezyklate einsetzen zu wollen.

Stattdessen wird mehr in die Substitution von Naturkautschuk als Rohstoff investiert. Reifenhersteller und Automobilzulieferer Continental zum Beispiel hat zusammen mit dem Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie (IME), dem Julius-Kühn-Institut und der Aeskulap GmbH einen Reifen entwickelt, bei dem der Gummi aus den Wurzeln einer extra gezüchteten Variante des Russischen Löwenzahns mit dem botanischen Namen Taraxacum kok-saghyz gewonnen wird. Die Sorte soll besonders Kautschuk-ertragreich sein. Die ersten Versuchsreifen der sogenannten Taraxacum-Baureihe wurden auf der IAA Nutzfahrzeuge im letzten Jahr in Hannover vorgestellt. Den Naturkautschukanteil des Laufstreifens ersetzte Continental vollständig durch Gummi aus dem Löwenzahn. Der Hersteller will das Produkt innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahren zu einer Pkw-Winterreifenserie marktfähig machen. Auf dem Testgelände Contidrom bei Hannover sowie im schwedischen Arvidsjaur werden die Reifen laufend erprobt. Continental ist für das Projekt mit dem „GreenTec Award 2014“ in der Kategorie „Automobilität“ ausgezeichnet worden.

Der Russische Löwenzahn ist erst 1931 entdeckt worden. Sowjetische Forscher suchten damals im Tian-Shan-Gebirge in Kasachstan nach einer heimischen Alternativpflanze für Kautschuk. Zehn Jahre später war der Russische Löwenzahn mit einem durchschnittlichen Kautschukgehalt von 17 Prozent bereits auf einer 67.000 Hektar großen Anbaufläche kultiviert worden und erzeugte 30 Prozent des sowjetischen Gummiverbrauchs. Sehr gute Ertragswerte weist auch die Guayule auf, eine Korbblüter-Pflanze, die als Strauch in den Wüsten Mexikos sowie in den US-Bundesstaaten Texas und New Mexico vorkommt. Das amerikanische Unternehmen Cooper Tire & Rubber hat sich die Latex-Eigenschaften der Guayule zunutze gemacht und auf Basis des Wüstenstrauchs einen Reifen hergestellt. Gewonnen wird der Kautschuk von einem Kooperationspartner, der Firma PanAridus L.L.C.

Wie Reifenhersteller Cooper informiert, bestand der Guayule-Reifen gegenüber einem konventionellen Pkw-Reifen vom Typ CS4 Touring auf dem Testgelände Pearsall bei San Antonio, Texas. Im Ergebnis konnten bei dem Vergleichstest keinerlei Unterschiede festgestellt werden. Cooper Tire & Rubber will ab 2017 seine Reifenkomponenten – soweit möglich und von der Verfügbarkeit des Rohstoffs abhängig – durch Guayule-Gummi substituieren. Der Wüstenstrauch ersetzte in den USA während des Zweiten Weltkriegs Kautschukimporte aus Südostasien, von denen das Land abgeschnitten war. Versuchsweise wurde Guayula in dieser Zeit auch in der Sowjetunion angebaut. Da Guayule anders als Kautschuk des Kautschukbaums keine Allergien (Latex-Intoleranz) auslöst, ist die Pflanze heute wieder gefragt: Aus Guayule-Kautschuk werden vor allem Produkte hergestellt, die im direkten Hautkontakt stehen, wie Matratzen, Gummihandschuhe und Hygieneartikel.

Literaturhinweis: Kaskadennutzung im Automobil – Realität oder Zukunftsmusik?, Alexandra Pehlken und Matthias Kalverkamp, erschienen in: Recycling und Rohstoffe, Band 8., hrsg. v. K. J. Thomé-Kozmiensky und D. Goldmann, TK Verlag Karl Thomé-Kozmiensky, Neuruppin 2015, ISBN 978-3-944310-20-6.

Foto: Marc Weigert

(EUR1015S12)