Der Waste-to-Energy-Markt – ein Flickenteppich

„Es gibt keine Energie-aus-Abfall-Anlage, die den Stand der Technik erfüllt“, resümierte Trimurti Irzan am Ende seines umfassenden Vortrags auf der Fachtagung „IRRC Waste-to-Energy“ in Wien. Für schlüssige Konzepte zur Abfallverwertung mit Energiegewinnung müssten Politik, Gesetzesrahmen, Märkte, öffentliche Meinung und die geeigneten Planer und Ingenieure auf einen Nenner kommen. Wie weit die Entwicklung der WtE-Technologie in und über Europa hinaus gediehen ist, lässt sich an verschiedenen Beispielen ablesen.

Beispiel Polen: Dort regelt seit 2014 ein Nationaler Abfallwirtschaftsplan den Umgang mit Siedlungs-, Sonder-, Verpackungs-, Abwasser- und Import-Abfällen. Dennoch steht der adäquaten Abfallbehandlung eine Reihe von Problemen entgegen. Zu den Hindernissen gehören zu wenige und zu gering ausgelegte Anlagen, das Management während der Übergangsphase von der Schließung unzureichender Deponien bis zur Eröffnung neuer Anlagen, zu langsame Fortschritte bei der Entwicklung einer Getrenntsammlung von Siedlungsabfällen einschließlich darin enthaltener Gefahrstoffe, eine fehlende Gesetzgebung für die mechanisch-biologische Behandlung von gemischten Siedlungsabfällen und der Mangel eines Sammelsystems für abgelaufene Medikamente. Außerdem sind in der Fläche zu wenige Anlagen zur Behandlung von Alkalibatterien vorhanden, während die Einrichtungen zur Verwertung von bleihaltigen Batterien und Akkumulatoren signifikante Kapazitätslücken aufweisen. Was Elektro(nik)schrott betrifft, wurde die Sammelquote von vier Kilogramm pro Person und Jahr nicht erreicht, endeten Waschmaschinen und Kühlgeräte ohne Behandlung, Registrierung oder Anmeldung auf Schrotthöfen und unterließen es Unternehmer, ihre Meldungen an den Kommissar für Umweltschutz zu senden.

Für ein umfassendes und separates Sammelsystem

Ein Blick auf die Zahlen macht deutlich, dass sich zwischen 2004 und 2013 die Masse behandelter Kommunalabfälle in Polen von 9,7 zu 9,4 Millionen Tonnen nur unwesentlich geändert hat. Allerdings stieg im gleichen Zeitraum die recycelte Masse von 234.000 auf rund 1,5 Millionen Tonnen, während die Deponiemengen von 9,1 auf knapp sechs Millionen Tonnen abnahmen. Die Menge thermisch verwerteter Materialien blieb mit 44.000 zu 51.000 Tonnen zwar gering, erreichte aber 2013 durch Hinzuziehung der Mitverbrennung in Zementwerken bereits 766.000 Tonnen.

Zielvorstellungen für eine kommunale Abfallwirtschaft konzentrieren sich auf ein umfassendes und separates Sammelsystem für alle Bürger Polens bis Ende 2015; der Anteil biologisch abbaubarer Siedlungsabfälle, die für die Deponie vorgesehen sind, soll(te) bis 2013 auf 50 Prozent und bis 2020 auf 35 Prozent verringert werden; die Menge deponierter Kommunalabfälle soll(te) bis Ende 2014 auf 60 Prozent reduziert werden; und Wiederverwendung und Recycling von Materialien wie Papier, Metall, Kunststoff und Glas aus Haushalten und ähnlichen Quellen soll bis 2020 für mindestens 50 Masse-Prozent vorbereitet sein. Als Basis hierfür sollen Abfallwirtschafts-Einrichtungen dienen, die regionale Behandlungsanlagen für Siedlungsabfälle enthalten – mit  ausreichender Kapazität, um Abfälle von mindestens 150.000 Bewohnern aufzunehmen und zu verarbeiten, und mit der bestmöglichen Technik, um entsprechende Bereiche der Abfallwirtschaft zu bedienen.

Recyclingquote von 50 oder 70 Prozent angepeilt

2013 standen in polnischen Papiermühlen rund 2,1 Millionen Tonnen Kapazität für Papierrecycling zu Verfügung, Stahlwerke hielten etwa acht Millionen Tonnen für Eisenmetalle-Recycling vor, Glashütten stellten 650.000 bis 750.000 Tonnen für Glasverpackungen und 250.000 bis 300.000 Tonnen für Flachglas zur Verfügung. Die Verbrennungskapazität für kommunale Mischabfälle betrug 42.000 Tonnen, die zur Mitverbrennung hochkalorischer Abfälle in Zementöfen rund eine Million Tonnen.

Die zukünftig benötigten Kapazitäten für Recycling und Verbrennung in Polen hängen vom jeweiligen Abfallaufkommen ab und der gewünschten Recyclingquote von 50 Prozent oder 70 Prozent für 2020. Sie betragen bei einem Aufkommen von zehn Millionen Kommunalabfällen und einer Recyclingquote von 50 Prozent eine notwendige Recyclingkapazität von fünf Millionen Tonnen und eine ebenso große maximale Verbrennungsmenge. Und würden bei einem Aufkommen von 15 Millionen Kommunalabfällen und einer Recyclingquote von 70 Prozent eine Recyclingkapazität von 10,5 Millionen Tonnen und eine maximalen Verbrennungsmenge von 4,5 Millionen Tonnen betragen.

Aufgabenstellung der MBA ändern

Dennoch ist – bei gleichbleibender Zusammensetzung und gleichem Verunreinigungsgrad der Kommunalabfälle sowie gleicher Technologie wie heute – eine Recyclingquote von 70 Prozent unrealistisch, zumal, wenn die Behandlung nachhaltig erfolgt und eine hohe Recyclingqualität gewünscht wird. 50 Prozent stellen eine realistischere Annahme dar. Bedenkt man die laufenden Aktivitäten zur Abfallvermeidung, dürfte die Abfallmenge von zwölf Millionen Tonnen nicht überschritten werden. Dementsprechend müssten sechs Millionen Tonnen stofflich und biologisch recycelt werden, wobei die Effizienz durch getrennte Sammlung erweitert und gesteigert werden könnte.

Das wiederum würde bedeuten, die Aufgabenstellung der mechanisch-biologischen Anlagen dahingehend zu ändern, dass der mechanische Teil zu einer Einrichtung zur Abfalltrennung und der biologische Teil zuständig für die Kompostierung von Grünabfällen oder Fermentierung von Bioabfällen wird. Neue Anlagen zur Abfallverbrennung müssen – angesichts eines gut ausgebauten Netzwerks von zentralen Heizsystemen und des Energiebedarfs der polnischen Industrie – als Lieferanten von Strom und Wärme dienen. Und es werden gemäß dem „3. OECD Umwelt-Leistungsbericht“ für Polen eine Reihe weiterer Maßnahmen im Abfallwirtschaftssektor nötig sein. Insgesamt hat Polen in den vergangenen Jahren eine Anzahl positiver Wechsel angeschoben, die weitere Fortschritte möglich erscheinen lassen. Um höherwertige Recyclingmaterialien zu gewinnen, muss in erster Linie die getrennte Sammlung der Kommunalabfälle entwickelt werden. Die Papier-, Stahl- und Glas-Industrien besitzen die Kapazitäten, solche Recyclingmaterialien auch zu verarbeiten.

Tschechien: Kein erfolgversprechendes Konzept

In der Republik Tschechien sind zurzeit drei Verbrennungsanlagen für Kommunalabfälle in Betrieb. Neben drei Anlagen in Prag, Brno and Liberec mit insgesamt 626 Kilotonnen Kapazität sind drei weitere WtE-Anlagen in Pilsen, Karviná und Komořany mit zusammen 305 Kilotonnen Kapazität in Planung, aber nur in Pilsen wurde mit der Umsetzung begonnen. Etliche andere Projekte fielen durch die wirtschaftliche Prüfung; Unterstützung zur Errichtung neuer thermischer Behandlungsanlagen gibt es nicht. Allem Anschein nach könnte das durch alternative Ansätze wie kombinierte Verbrennung oder Verarbeitung sortierter Abfälle ausgeglichen werden, aber es fehlt an einem erfolgversprechenden Konzept. Bei zur Debatte stehenden Alternativen wie Waste-to-Energy, kleine Verbrennungsanlagen, MBA mit energetischer Nutzung, Gasifizierung und Export von Siedlungsabfällen zur Energiegewinnung muss  der tschechische Energiesektor berücksichtigt werden.

Darüber hinaus ist zu beachten, dass ab 2024 keine Kommunalabfälle mehr deponiert oder zur Produktion exportiert werden dürfen, der jetzige Preis für deren Deponierung nicht wesentlich erhöht werden sollte, Lösungen zwischen verschiedenen Beteiligten einschließlich des Betreibers gefunden werden müssen, die tschechischen und EU-Vorgaben zu berücksichtigen sind und ein nachhaltiges und für die Öffentlichkeit akzeptables Ergebnis herauskommen sollte.

Keine Mitverbrennung von EBS möglich

Hinzu kommt als grundlegende Voraussetzung, dass die Anlage die R1-Anforderungen erfüllen muss – also eine 65-prozentige energetische Rückgewinnung. Dies ist wirtschaftlich nur rentabel bei Kombination mit einem zufriedenstellenden Verkauf von Wärme in angemessen großen Fernwärme-Arealen oder Industriegebieten. Als Untergrenze für eine nachhaltige und ökonomische WtE-Anlage werden 100 Kilotonnen an Siedlungsabfällen pro Jahr angesehen; wirtschaftlicher arbeiten Anlagen mit einer Kapazität von 300 Kilotonnen.

In der Republik Tschechien arbeitet keine mechanisch-biologische Behandlungsanlage zur Gewinnung von Ersatzbrennstoffen. Und auch das Konzept einer solchen Behandlung mit Deponierung und Nutzung der energiereichen Fraktion wird als nicht realisierbar eingeschätzt. Daher ist auch keine Mitverbrennung solcher Brennstoffe möglich. Tests bei der ČEZ GmbH verliefen negativ. Zwar wird eine hohe Menge „alternativer“ Brennstoffe produziert, weil Siedlungsabfälle „irgendwie“ behandelt werden müssen; doch finden diese gewöhnlich nur in Zementwerken Verwendung.

Energetische Nutzung am besten geeignet

Auch die Wahl des Brennstoffs macht den Tschechen Kopfzerbrechen: Der energetische Wert von Kommunalabfällen liegt momentan nur bei etwa acht bis zehn Megajoule pro Kilogramm. Ob Lignit stattdessen als Brennstoff eingesetzt werden kann, ist aus politischen Gründen nicht sicher. Lignit-Substitution durch tschechische Minenkohle ist ökonomisch riskant, ebenso der Import von CO2. Der Ersatz durch Naturgas unterliegt geopolitischen Risiken, während die Versorgung von Qualitäts-Biomasse auf Holz- oder Holzabfall-Basis an Kapazitätsgrenzen stößt. In diesem Zusammenhang könnte Kommunalabfall wieder an Bedeutung gewinnen, stößt aber auf Widerstand bei der Bevölkerung.

Somit lässt sich das Fazit ziehen, dass die energetische Nutzung von Kommunalabfällen das geeignete Modell für die Tschechische Republik darstellt, zumal es eine Anzahl von Variablen hinsichtlich Lokalisierung, Kapazität und Abfallart zulässt. Zieht man zusätzlich die Möglichkeit in Betracht, die bestehenden Heizkraftwerke zu ersetzen, ergeben sich zusätzlich Einsparungen von Primärenergien und eine signifikante Reduktion von konventionellen Schadstoffen und CO2-Emissionen. Damit hätte das Land die einzigartige Möglichkeit, einen Teil der bestehenden kommunalen Abfallwirtschaft in einen Versorger von wertvollen Energie-Rohstoffen für die tschechische Wärme-Industrie zu überführen. Allerdings sollte das – angesichts langer Bewilligungszeiten und sich hinziehender Verhandlungen der Beteiligten – möglichst bald erfolgen.
Sollte die Integration der Energienutzung in das Abfallwirtschafts-System nicht klappen, ist mit steigenden Kosten für gemischte Siedlungsabfälle zu rechnen, im schlimmsten Fall in Abhängigkeit mit ausländischen Käufern und damit verbundenen Preisunsicherheiten.

Arabische Staaten: Der Investitionsbedarf ist enorm

Die Behandlung von festen Kommunalabfällen steht in den Arabischen-Staaten vor etlichen Hindernissen. Zu ihnen gehören schnelles Bevölkerungswachstum, Mangel an strategischer Planung, eingeschränkte Abfallsammeldienste, Fehlen geeigneter Deponierungsmethoden, unangemessene Technologie und ungenügende Finanzierung. Der Großteil der Siedlungsabfälle dieser Region – vielfach vermischt mit Industrie- oder medizinischen Materialien – landet zu 50 Prozent oder mehr auf Deponien: unkontrolliert, schlecht bewirtschaftet und ohne grundlegende Maßnahmen gegen Methan-Emissionen oder Leckagen. Der Investitionsbedarf für Abfallbehandlungsanlagen ist enorm. Das beste Preis-/Leistungsverhältnis schaffen neue Deponien, die 350.000 Tonnen Kapazität für 40 bis 50 Millionen Euro bieten. Für Müllverbrennungsanlagen mit 200.000 Tonnen Kapazität werden 100 bis 150 Millionen Euro veranschlagt, und Behandlungsanlagen zur Gefahrstoff-Verbrennung mit 10.000 Tonnen Kapazität kosten 40 bis 50 Millionen Euro. Eine mechanisch-biologische Behandlungsanlage mit einer Kapazität von 100.000 Tonnen soll in der Trocken-Variante auf zehn bis 15 Millionen Euro, in der Kompostierungs-Variante auf acht bis zwölf Millionen Euro kommen.

Pilotprojekt im tunesischen Beja

Angesichts eines über 50-prozentigen Lebensmittel-Anteils am Siedlungsabfall und dem damit verbundenen Feuchtigkeitsgrad sinkt in Schwellenländern die materielle Wiederverwendungsrate und verteuert die Betriebskosten für Abfallverbrennung. Hier bieten sich als Alternativen Kompostierung, Bio-Stabilisierung und Bio-Trocknung zur Erhöhung des kalorischen Abfallwertes an. Ein Pilotprojekt mit deutscher finanzieller Unterstützung im tunesischen Beja sollte testen, inwieweit eine kostengünstige mechanisch-biologische Vorbehandlung von Mischabfällen unter dortigen Bedingungen erfolgversprechend arbeiten kann. Das Ergebnis: Nach drei Wochen Kompostierung und Trocknung – der Abfall hatte durchschnittlich ein Drittel an Masse verloren – ließ sich eine grobe Fraktion von Hochkalorik erkennen, die als Basis für Ersatzbrennstoffe geeignet erschien. Das resultierende Brennmaterial wies einen hohen Heizwert auf, geringe Feuchte und akzeptable Chlor- und Schwermetall-Gehalte. Wird diese Strategie zur Bio-Trocknung mit Wiedergewinnung von EBS und Recyclingstoffen auf Anlagen mit Kapazitäten von 50.000 (Option 1) oder 100.000 Tonnen pro Jahr (Option 2)  übertragen, kann die Input-Masse an Abfall um rund 60 Prozent verringert werden. Damit würden nur 40 Prozent des eingesetzten Materials auf  Deponien landen. Wird das Verfahren der Bio-Trocknung samt EBS-Gewinnung und Wiedergewinnung von Recyclingstoffen durch stabilisiertes Material zur Deponierung (Option 3) oder durch Gewinnung von kompostartigen Stoffen und Deponierung von inerten Materialien (Option 4) erweitert, blieben nur mehr 13 Prozent des eingesetzten Abfalls zur Ablagerung. Der nutzbare Anteil – Ersatzbrennstoffe, Recyclingstoffe wie Metalle und Kompostartiges mit verringertem Feuchtegehalt – würde sich auf 87 Prozent erhöhen.

Erfolg nicht garantiert

Bei Investitionen in Höhe von jeweils zwölf bis 14 Millionen Euro pro Anlage und einer jährlichen Laufzeit von 4.000 Stunden mit zwei Schichten á acht Stunden erwirtschaften nur Anlagen ab einem Inputaufkommen von 100.000 Tonnen jährlich einen geringen Profit. Somit ist der Kapitalertrag nicht garantiert, um die geplante Abfallquantität in jedem Fall behandeln zu können. Um die Finanzierung zu sichern, ist die Einbindung der Kommunen und Verwaltungen hinsichtlich Zuschüssen und Darlehen empfehlenswert. Auch dann hängt der Erfolg nicht zuletzt von Faktoren wie ausreichenden Deponiekapazitäten, einem Markt für Recyclingmaterial, einer Nachfrage nach Energie und der öffentlichen Akzeptanz ab.

Türkei: Den europäischen Regularien anpassen

In der Türkei haben 98 Prozent der Bevölkerung Zugang zu kommunalen Abfallsammeldiensten; allerdings fehlen solche vielfach in der Fläche. 70 Prozent der gesammelten kommunalen Festabfälle werden auf kommunalen Deponien gelagert. Für Festabfälle sind 80 eingerichtete Deponien, drei Einheiten zur Biomethanisierung und 21 Anlagen zur Deponiegas-Gewinnung vorgesehen. Medizinische Abfälle werden in 50 Sterilisierungs- und zwei Verbrennungsanlagen behandelt. Die Zahl der Einrichtungen für Recycling oder Zwischenlagerung von gefährlichen
Abfällen einschließlich der Beseitigung von PCB und Ersatzbrennstoffen hat sich von 18 im Jahr 2003 auf 362 erhöht. Hinzu kommen 41 Verbrennungs- und Mitverbrennungsanlagen und sieben  Sondermülldeponien. 497 Anlagen konzentrieren sich auf die Sortierung von Verpackungsabfällen, die Zahl entsprechender Recyclinganlagen ist auf 642 angewachsen; insgesamt beträgt der Wert der türkischen Verpackungsabfälle rund sieben bis neun Milliarden Türkische Lira (2,2 bis 2,8 Milliarden Euro) pro Jahr.

Foto: EU-R Archiv

Foto: EU-R Archiv

Unkontrollierte Abfallentsorgung bis 2023 beenden

Die Türkei beschreitet weiterhin den Weg, seine Gesetzgebung den europäischen Regularien der Abfallpolitik anzupassen. Zu den Zielen gehören Bau und Betrieb von regionalen Deponien mit Gasrückgewinnungsanlagen, Gassammelsystemen und Vorbehandlungseinrichtungen für Sickerwasser. Kompostieren unterstützt die Landwirtschaft. Investitionen in den Festabfallsektor sollen ein effizientes, landesweites Abfallwirtschaftssystem schaffen. Die türkische Umweltpolitik repräsentiert eine der umfassendsten und kostspieligsten Herausforderungen im Hinblick auf den Europa-Beitritt: Sie umfasst 300 Einzelgesetze und wird etwa 60 Milliarden Euro zur Implementierung benötigen. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf vier Strategien: die Reduzierung von Abfall, Recycling und Kompostierung, die thermische Umwandlung und die Deponierung. Dazu sollen unter anderem stufenweise immer weniger biologisch abbaubare Abfälle deponiert, integrierte Abfallwirtschaftspläne bei Kommunen eingeführt, Gase auf abgedeckten Deponien gesammelt und Abfallwirtschaftspläne für Verpackungen und die sortierte Abfallsammlungen eingeführt werden. Es ist geplant, die Zahl der Kompostierungs- und Biomethanisierungsanlagen zu steigern und die unkontrollierte Abfallentsorgung bis 2023 zu beenden. Schließlich sollen bis zu diesem Zeitpunkt landesweit integrierte Abfallentsorgungs-Anlagen eingerichtet und 100 Prozent aller Siedlungsabfälle dort behandelt werden.

China: 80 Prozent deponiert

Die Produktion von Siedlungsabfällen hat in China die 160 Millionen Tonnen pro Jahr erreicht; für 2025 wird mit jährlichen 200 Millionen Tonnen gerechnet. 2012 wurden über 140 Millionen Tonnen mit hauptsächlich drei Methoden „behandelt“. 80 Prozent der Abfälle landen auf Deponien, für die der Raum knapp wird. Die Verbrennung erfreut sich zunehmender Beliebtheit: Die Kapazität entsprechender Behandlungsanlagen beläuft sich auf 446.000 Tonnen pro Tag und soll Ende 2015 rund 35 Prozent der Abfallbeseitigung erreichen. Das Rohmaterial für Kompostierung besteht aus Lebensmittelabfällen, Exkrementen, städtischen Abfällen und Klärschlamm. Diese Entsorgungswege bereiten Probleme: Die gemischte Abfallsammlung und -behandlung belasten die Deponien, der geringe kalorische Gehalt empfiehlt sich nicht zur Verbrennung, und die geringe Porosität und Qualität der organischen Abfälle eignet sich nicht für das Kompostieren.

Im chinesischen Anlagenpark zur Abfallbehandlung hat sich zwischen 2004 und 2012 einiges getan. Die Zahl der Entsorgungseinrichtungen ist von 559 auf 701 gestiegen, während die Kapazität der Behandlungsanlagen von 238.500 auf 446.000 Tonnen pro Tag anstieg. Dabei nahm der Anteil der Deponierung von 86 auf rund 70 Prozent ab, der Anteil der Verbrennung kletterte von sieben auf 27 Prozent, und die sechs Prozent Kompostierung reduzierten sich auf null. Die Abfallverbrennung findet zu 60 Prozent in Rostfeuerung, zu 30 im CFB-Ofen und zu fünf Prozent per Pyro-Verbrennung statt.

WtE-Gewinnung durchaus möglich

Der organische Anteil in den Kommunalanfällen soll bei über 66 Prozent liegen, in Shenyang sogar bei 73,7 Prozent. Für deren Behandlung wird die Trennung der Bio- von der Restmüll-Fraktion als beste Methodik angesehen. Die Netto-Energie der organischen Anteile soll nach der Anaeroben Vergärung bis zu 433 Megajoule pro Tonne betragen. Der direkt verbrannte Restmüll, der Holz, Papier, Kunststoffe, Textilien und belastete Stoffe enthält, soll 4.663 Megajoule pro Tonne ergeben. Die komplette Verbrennung von Kommunalabfällen würde demgegenüber einen Energieverlust von rund 3.000 Megajoule pro Tonne bedeuten. Kurzum: In China wäre eine WtE-Gewinnung durchaus möglich. Dazu könnte eine andere Bewirtschaftung der Siedlungsabfälle eine wichtige Rolle spielen, insbesondere die separate Sammlung.

Behandlungsmethoden: nicht ausgewogen verteilt

In den 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden 31,3 Prozent der Siedlungsabfälle deponiert, 27,7 Prozent recycelt, 26,0 Prozent thermisch verwertet und 15 Prozent fermentiert oder kompostiert. Was auf den ersten Blick als ausgewogene Verteilung der Behandlungsmethoden erscheint, ist bei genauerem Hinsehen eher ein Flickenteppich. Während jeder Deutsche durchschnittlich ein Kilogramm seines Kommunalabfalls pro Jahr deponiert, deponieren Länder wie Griechenland, Zypern und Malta 400 bis 500 Kilogramm. Während Österreicher 192 Kilogramm fermentieren oder kompostieren, erreichen Kroaten nur sieben Kilogramm. Und in Dänemark werden über 200 Kilogramm pro Person und Jahr verbrannt, in Lettland und Rumänien nichts.

Der Grund: Es gibt eine eindeutige Korrelation zwischen dem spezifischen Bruttoinlandsprodukt eines Landes und seiner Recyclingquote aus thermischer, stofflicher und biologischer Nutzung. Das Erreichen europäischer Zielvorstellungen hängt von Wohlstand und Erfolg eines Landes ab. Der Durchschnittswert von 201 Kilogramm stofflichem oder biologischem Recycling pro Einwohner und Jahr soll nur oberhalb eines BIP von 30.000 Euro pro Jahr möglich sein. Anders ausgedrückt: Eine Verpackungs-Recyclingrate von 70 Prozent für 2030 oder eine Reduzierung der Deponierate auf 25 Prozent bis 2025 sind im Jahr 2015 nicht erfolgversprechend, da knapp zwei Drittel der EU-Mitgliedstaaten ein Bruttoinlandsprodukt von unter 30.000 Euro pro Person aufweisen. Es ist zu erwarten, dass mit steigendem Wohlstand ärmere Länder in die Lage versetzt werden, die Standards der EU-Abfallwirtschaft zu erfüllen.

Die zugrunde liegenden Artikel sind dem Band Waste Management, Volume 5, hrsg. von  Karl J. Thomé-Kozmiensky und Stephanie Thiel, 2015, Neuruppin 2015, ISBN 978-3-944310-22-0 entnommen.

Foto: © Berndneeser | Dreamstime.com

(EUR1215S28)