Auf der Suche nach neuen Märkten

Ist China an der aktuellen Marktlage schuld, die mehr Anlass zu Depressionen als zu Optimismus gibt? Dieser Eindruck drängte sich bei der diesjährigen Herbsttagung des Bureau of International Recycling (BIR) in Prag auf.

Die milden Temperaturen und das schöne Herbstwetter in der „goldenen Stadt“ wollten so gar nicht zu den Informationen passen, die die Tagungsteilnehmer im Prager Hilton Hotel in den Fachsparten-Sitzungen erhielten. Immer wieder war davon die Rede, dass die Volksrepublik China die Marktverhältnisse beeinflusst – sei es im Hinblick auf den wegbrechenden Absatz, die verfallenden Preise oder die nicht gerade rasante wirtschaftliche Entwicklung rund um den Globus.

Im Bereich Eisen & Stahl beklagte Fachsparten-Präsident William Schmiedel (Sims Metal Management, USA), dass die chinesischen Billigexporte im Stahlbereich der Grund für den aktuellen Zustand der Fe-Schrottwerte sind. Die gute Nachricht sei, dass die aktuell niedrigeren Preise die Kunden der Branche in die Lage versetzen sollten, Eisen- und Stahlschrott wieder als sinnvolle, tragfähige und wirtschaftliche Option zu betrachten. Allerdings haben auch die Stahlerzeuger derzeit kein leichtes Leben, erfuhren die Anwesenden. Laut Schmiedel strahlen die „Schmerzen“, unter denen die Schrottwirtschaft zu leiden hat, auch auf ihre Stahl produzierenden Kunden aus. Als Beispiel dafür zitierte er den Vorstandsvorsitzenden eines großen chinesischen Stahlunternehmens, nach dessen Informationen bei der Stahlindustrie  der Volksrepublik in den ersten acht Monaten dieses Jahres Verluste im Umfang von 2,8 Milliarden US-Dollar angewachsen sind. In seinem Bericht über den Weltmarkt konstatierte Tom Bird (Mettalis Recycling, Großbritannien), dass fast die Hälfte der chinesischen Stahlexporte asiatische Märkte erreicht haben, wobei rund 30 Prozent der Menge von südasiatischen Ländern aufgenommen werden. In dieser Region können die Werke den Angaben zufolge kaum mithalten, und es gibt Meldungen über Leerlauf und Schließungen. Laut Bird muss China seine Vorgehensweise ändern, denn die Stahlproduktion in der aktuellen Menge und zu den Preisen lässt sich seiner Meinung nach auf lange Sicht nicht aufrechterhalten. Drei der größten staatlich kon­trollierten Stahlhersteller hätten für das dritte Quartal bedeutende Verluste angekündigt. Nach Einschätzung von Experten müsste der Eisenerzpreis auf etwa 40 US-Dollar fallen, damit chinesische Fabriken kostendeckend arbeiten könnten. Laut Bird sieht es aber nicht so aus, als würde dies geschehen. In China seien die Hersteller von einem Rückgang der inländischen Nachfrage nach Baustahl getroffen worden, der mehr als 50 Prozent des Stahlverbrauchs in der Volksrepublik ausmacht. Zudem ist den Angaben zufolge die Produktion eingebrochen. All dies gipfelt nach Birds Worten in der Tatsache, dass sowohl die Produktion als auch die Kosten gekürzt werden müssen.

Ranjit Baxi: Chinas Altpapiernachfrage bleibt auch in Zukunft nachhaltig (Foto: BIR)

Ranjit Baxi: Chinas Altpapiernachfrage bleibt auch in Zukunft nachhaltig (Foto: BIR)

In einigen asiatischen Ländern gebe es Bestrebungen, Zölle auf chinesische Stahlprodukte zu erheben, berichtete der Marktkenner. So dränge die Vietnam Steel Association (VSA) ihre Regierung, gegenüber den Importen von legiertem Stahl strenger zu sein. Anscheinend hätten chinesische Exporteure Chrom- und Boranteile falsch deklariert, um Steuern zu sparen.

In Europa ist die Lage laut dem Report ebenfalls schwierig, zumal die Stahlhersteller vor allem in Spanien und Italien darum kämpfen, mit den billigeren Produkten aus der Volksrepublik zu konkurrieren, die sowohl die Nachfrage als auch die Preise negativ beeinflussen. Einige spanische Hersteller zögen einen zeitlich begrenzten Produktionsstopp in Erwägung, informierte der Redner. Die schlechte Marktsituation wirke sich auch auf das Materialaufkommen aus, denn zahlreiche Schrottplatzbetreiber berichteten von Mengen, die 30 bis 40 Prozent unter dem normalen Niveau liegen. Auch in den USA gehe die Schrottverfügbarkeit zurück. In Russland und der Ukraine ist die Situation vergleichbar.

Im Gegensatz dazu konnte Tom Bird Positives über die „sehr aktiven“ Märkte in Indien und Pakistan berichten. Die Nachfrage in beiden Regionen sei stark gewesen, insbesondere in Pakistan. Angesichts der gegenwärtigen Preise sei Schrott attraktiv; viele Verbraucher gingen davon aus, dass das gegenwärtige Preisniveau die Talsohle ist, und deckten sich deshalb mit Material ein.
Wie Sunil Barthwal vom indischen Stahl-Ministerium während einer Diskussion mit Gastrednerin Becky E. Hites (Steel-Insights LLC, USA) und Shailendra Krishna Tripathi (MSTC, ein staatlicher Händler in Indien) mitteilte, hat Indien ein Interesse an einer höheren Stahlqualität für seine Produkte, beispielsweise Autos. Deshalb werde der Stahlbedarf des Landes innerhalb der nächsten zehn Jahre von derzeit 32 Millionen Tonnen auf rund 56 Millionen Tonnen steigen. Die jährlichen Schrottimporte sollen sich bis 2020 auf zehn Millionen Tonnen verdoppeln, so die Vertreter des indischen Staates.

Bessere Aussichten für rostfreie Stähle und Speziallegierungen?

Während der Sitzung des Komitees Rostfreie Stähle & Speziallegierungen hatte der Vorsitzende Joost van Kleef (Oryx Stainless, Niederlande) 2015 als eines der bislang anspruchsvollsten Jahre der Branche bezeichnet. Auch in diesem Sektor ist die Situation durch eine niedrigere Nachfrage und verfallende Rohmaterialpreise gekennzeichnet. Wohl deshalb hatte der Gastredner Heinz H. Pariser (Alloy Metals & Steel Market Research, Deutschland) in seinem Vortrag die Frage gestellt, ob im nächsten Jahr alles besser werde. Seine Antwort ließ etwas Optimismus zu, denn er erwartet, dass – vorausgesetzt, das vierte Quartal bringt eine wirtschaftliche Stärkung – noch in diesem Jahr die globale Output-Menge an rostfreiem Rohstahl um 0,4 Prozent auf rund 42 Millionen Tonnen steigen wird. Für das nächste Jahr prognostizierte er eine Zunahme um 3,4 Prozent auf etwa 43,4 Millionen Tonnen. Allerdings hänge dieses Wachstum stark von Chinas Nachfrage-Entwicklung  im In- und Ausland ab, schränkte er ein.

Im Hinblick auf die globale Nachfrage informierte Dr. Pariser, dass der „sehr starke“ Abbau in der zweiten Jahreshälfte 2014 in den ersten sechs Monaten dieses Jahres umgekehrt worden sei. Für 2015 gingen die Schätzungen von einem Wachstum im Umfang von einem Prozent auf 37,1 Millionen Tonnen aus. In diesem Zusammenhang zeigte er sich überzeugt, dass der Konsum rostfreier Stähle in den kommenden Jahren weiter anziehen wird. Nach einem Szenario könnte die weltweite Nachfrage jährlich um rund 25 Millionen Tonnen steigen und bis zum Jahr 2030 insgesamt 62 Millionen Tonnen erreichen.

Die indischen Schrottimporte sollen sich bis 2020 auf zehn Millionen Tonnen pro Jahr verdoppeln, kündigten die beiden Vertreter des indischen Staates an (Foto: BIR)

Die indischen Schrottimporte sollen sich bis 2020 auf zehn Millionen Tonnen pro Jahr verdoppeln, kündigten die beiden Vertreter des indischen Staates an (Foto: BIR)

Negatives Klima für NE-Metalle

Die Marktmacht Chinas war ebenfalls ein Thema während der Sitzung der Fachsparte NE-Metalle. Gleich zu Beginn hatte Fachsparten-Präsident David Chiao (Uni-All Group Ltd, USA) das schlechte wirtschaftliche Klima in dem „sehr harten Jahr“ 2015 beklagt. Kein optimistischeres Bild zeichnete Nick Rose (Tandom Metallurgical Group, Großbritannien), als er die aktuelle internationale Marktlage schilderte. Die Nichteisen-Industrie sei mit abnehmenden Margen, steigenden Kosten und geringer Zuversicht konfrontiert, charakterisierte der Marktkenner die Situation; es werde nicht mehr lange dauern, bis die Banken nervös würden. Seit Januar dieses Jahres seien an der LME (London Metal Exchange) die Preise für Kupfer um 14 Prozent, für Aluminium um zwölf Prozent und für Blei um neun Prozent gefallen. Noch schlimmer war nach seinem Bericht der Preisverfall bei Zink (minus 23 Prozent) und Nickel (minus 35 Prozent). Verantwortlich für diese Entwicklung ist laut Nick Rose unter anderem das sich verlangsamende Wirtschaftswachstum in der Volksrepublik China, die 45 Prozent des weltweiten Kupferverbrauchs für sich beansprucht. Weitere Probleme bereitet offenbar auch die Abwertung des chinesischen Renminbi Yuan, was das Vertrauen der Händler unterminiert habe.

Auch in der am schnellsten wachsenden Ökonomie, Indien, wo die Geschäfte eigentlich besser liefen als in anderen Ländern, haben die Unternehmen des Wirtschaftszweigs Probleme. Das liegt laut Rose an den Verfahren im Zusammenhang mit den neu eingeführten Inspektionen vor Verschiffung der Ware (Pre-Shipment Inspection, PSI). Die Marktlage in Europa ist seinen Worten zufolge ebenfalls trübe, zumal die Händler sich unter anderem über geringe Mengen beklagen.

Ein Hoffnungsschimmer für Kunststoffe

Obwohl auch Kunststoff-Recyclingunternehmen derzeit unter der „Großwetterlage“ leiden, konnte Surendra Patawari Borad (Gemini Corporation NV, Belgien), Vorsitzender des Kunststoffkomitees, immer noch „Silberstreifen in den grauen Wolken“ erkennen. Damit meinte er vor allem die gesunkenen Seefrachtraten, die seiner Ansicht nach reichlich Gelegenheit für geologische Arbitrage-Möglichkeiten bieten und den Import aus den USA nach Europa zulassen. Parallel hierzu stellte er fest, dass sich die Qualität der Kunststoffe in den zurückliegenden Jahren gewaltig verbessert habe. Auch das zunehmende Umweltbewusstsein sowie der Druck auf die Produzenten, mehr aufbereitete und rezyklierte Materialien einzusetzen, hätten dazu geführt, sowohl die Nachfrage als auch die sich bietenden Chancen zu steigern. Allerdings ist auch im Kunststoffbereich China – im übertragenen Sinn – das „Tiefdruckgebiet“. Laut Surendra Patawari Borad sind die chinesischen Importe von Kunststoffabfällen stark zurückgegangen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres führte die Volksrepublik mit 3,58 Millionen Tonnen weniger Material ein (zum Vergleich: Die importierte Menge im Jahr 2014 betrug 8,45 Millionen Tonnen) – ein Trend, der sich nach Einschätzung des Fachmanns weiter fortsetzen wird.

In seinem detaillierteren Marktbericht berichtete Dr. Steve Wong (Fukutomi Co Ltd, China), dass die Preise für Kunststoffabfälle in einigen Fällen um mehr als die Hälfte gefallen seien. Der geschäftsführende Vorsitzende der China Scrap Plastics Association (CSPA) konnte aber auch Positives melden, denn er ergänzte seine Ausführungen, indem er auf die Chancen für Unternehmen hinwies, die die gegenwärtige Krise überleben. Das gelte für jene Firmen, die bereit seien, mehr Automatisierung und Innovation in ihren Betrieben zu realisieren.

In Anbetracht dieser Schilderung ist es kaum verwunderlich, dass auch die Exporte aus den USA nach China eingebrochen sind. Laut Borad sanken die Lieferungen von Altkunststoffen allein im August gegenüber dem gleichen Monat 2014 um 42 Prozent; bei PET betrug der Rückgang sogar 55 Prozent. Der Ausblick für den US-Überseeversand sei nicht sehr vielversprechend, dafür biete der inländische Markt eine regelmäßige und ordentliche Nachfrage nach Altmaterial. In Indien dagegen seien die Bedingungen für Kunststoffabfälle relativ stabil, obwohl der PET-Markt neuerdings beträchtlich nachgelassen habe.

Bei der Sitzung des Komitees waren auch die Kunststoffe aus Altautos ein Thema. Manuel Burnand (Derichebourg, Frankreich), der neue Vorsitzende des Shredder-Komitees im BIR, schilderte die Erfahrungen mit Kunststoffen in Shredderrückständen aus der Automobilaufbereitung. Die Sortierung dieser Stoffe bliebe schwierig, sei aber mit entsprechenden Investitionen in fortschrittliche Post-Shredder-Technologie technisch möglich, ist der Fachmann überzeugt.

Imageprobleme für Elektro(nik)schrott

Gemischte und inkonsistente Informationen trübten das Image der Elektro(nik)altgeräte-Recyclingbranche, so Robin Wiener, die Präsidentin des US-amerikanischen Institute of Scrap Recycling Industries (ISRI), während der Sitzung des E-Scrap-Komitees.  Die Mitglieder hätten über die Notwendigkeit, diese Sache richtig zu stellen, ebenso diskutiert wie über mögliche Maßnahmen, dieses Ziel zu erreichen. Thomas Papageorgiou (Anamet Recycling Industry SA, Griechenland), Vorsitzender des Komitees, kündigte neue Informationen zu gegebener Zeit an. Eric Harris, bei ISRI Berater und Direktor für Regierungs- und internationale Angelegenheiten, beschrieb die „Promotion“ von verlässlichen Daten gegenüber Falschinformationen als größte Herausforderung des Komitees.

Problematisch sind den Angaben zufolge jüngere Berichte, die schädigende Ungenauigkeiten enthalten, vor allem im Hinblick auf die Mengen an Elektro(nik)schrott, die in Indien und Teilen Afrikas entsorgt würden. BIRs Direktor für Handel und Umwelt, Ross Bartley, bestätigte, dass der Weltverband bereits einige unrichtige Berichte auf höchsten Ebenen angefochten habe. Speziell im Hinblick auf die Entsorgung großer Mengen in Indien betonte Komitee-Mitglied Surendra Patawari Borad, dass diese Berichte auf „totaler Ignoranz“ basierten. Der Import nach Indien ist nach seinen Worten ein „sehr schwieriger Prozess“. Der indische E-Scrap-Markt sei weitgehend auf das Land beschränkt, da Importe nicht erlaubt und Exporte „stark eingeschränkt“ seien.

Die indischen Schrottimporte sollen sich bis 2020 auf zehn Millionen Tonnen pro Jahr verdoppeln, kündigten die beiden Vertreter des indischen Staates an (Foto: BIR)

Die indischen Schrottimporte sollen sich bis 2020 auf zehn Millionen Tonnen pro Jahr verdoppeln, kündigten die beiden Vertreter des indischen Staates an (Foto: BIR)

China kauft wieder mehr Altpapier

Die Volksrepublik China wird auch in Zukunft ein starker Abnehmer des sekundären Rohstoffs Altpapier sein, so Ranjit Singh Baxi während der Sitzung der Fachsparte Papier. Wie der Präsident des Weltverbandes und Ehrenpräsident der BIR-Fachsparte berichtete, hat das bevölkerungsreichste Land der Erde in diesem Jahr wieder mehr Altpapier aus dem Ausland eingekauft. Bis einschließlich August dieses Jahres führte die Volksrepublik insgesamt 19,24 Millionen Tonnen ein, rund 640.000 Tonnen mehr als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Hauptlieferant ist nach wie vor Nordamerika mit 9,626 Millionen Tonnen, obwohl die Menge gegenüber 2014 (9,752 Millionen Tonnen) leicht gesunken ist. Gleichzeitig wuchs der Anteil der europäischen Lieferungen, denn aus dieser Region wurden in den ersten acht Monaten 2015 rund 5,923 Millionen Tonnen Altpapier bezogen (Vorjahr: 5,136 Millionen Tonnen). Aus Asien nahmen die Altpapierlieferungen auf 3,014 Millionen Tonnen zu, wenn auch nur geringfügig (Vorjahr: 3,006 Millionen Tonnen). Innerhalb Europas hat sich das chinesische Einkaufsverhalten geändert. Während aus Deutschland von Januar bis Ende August mit 192.375 Tonnen lediglich 2,02 Prozent mehr Altpapier nach China versandt wurden, lieferte Griechenland 81,98 Prozent mehr (insgesamt 100.247 Tonnen). Nicht ganz so große Zuwachsraten verzeichneten die Altpapierexporteure in Spanien (plus 44,09 Prozent auf 479.870 Tonnen), Norwegen (plus 36,28 Prozent auf 32.899 Tonnen), Irland (plus 30,08 Prozent auf 179.211 Tonnen) und Frankreich (plus 25,12 Prozent auf 361.923 Tonnen). Die größten Altpapiermengen europäischen Ursprungs importierte China aus Großbritannien (plus 10,42 Prozent auf 2,495 Millionen Tonnen), den Niederlanden (plus 8,57 Prozent auf 873.040 Tonnen) und Italien (plus 21,98 Prozent auf 743.480 Tonnen).

In diesem Zusammenhang prognostizierte Ranjit Baxi (J & H Sales International, Großbritannien), dass die Volksrepublik wahrscheinlich auch mittelfristig eine lebhafte Altpapiernachfrage an den Tag legen werde, obwohl die Wirtschaft nicht mehr so stark wachse (für 2015 wird eine Zunahme von 6,9 Prozent und für 2016 ein Wachstum von 6,4 Prozent vorausgesagt). Parallel hierzu nähmen die Altpapier-Sammelaktivitäten in dem Land zu, weshalb die chinesischen Papierfabriken künftig verstärkt auf einheimische Fasern zurückgreifen werden. Aktuell niedrige Ölpreise und Frachtraten würden aber helfen, die Exportpreise auf einem wettbewerbsfähigen Niveau zu halten, meinte der Marktkenner, der bei dieser Gelegenheit noch einmal betonte, dass bei Geschäften mit China die Qualität im Mittelpunkt stehen muss.

Foto: O. Kürth

Foto: O. Kürth

Auch in den Berichten über den europäischen Markt wurde deutlich, dass die Volksrepublik einen starken Einfluss auf die internationale Marktentwicklung hat. Das Land sei lange als „Lösung“ für Europas Altpapierüberschuss betrachtet worden, so Dominique Maguin (La Compagnie des Matières Premières, Frankreich, und Ehrenpräsident der Fachsparte); nun sei es notwendig, neue Absatzmärkte zu erschließen. Zudem vertrat er die Ansicht, dass Altpapierrecyclingunternehmen Geld verdienen müssen, um in ihre Betriebe investieren und die von den Fabriken geforderte Faserqualität liefern zu können.

Schon vorher hatte der Präsident der BIR-Fachsparte Papier, Reinhold Schmidt (Recycling Karla Schmidt, Deutschland), in seinem Eröffnungsstatement beklagt, dass – neben der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums nicht nur in China – der strukturbedingte Mengenrückgang bei den grafischen Papieren im Markt Probleme mit sich bringe, die sich auf viele Bereiche der Papierkette auswirkten. Hinzu komme der wirtschaftliche Druck; die Unternehmen seien unter anderem mit kürzeren Vertragslaufzeiten sowie zunehmendem bürokratischen Aufwand konfrontiert.

Die während der Sitzung der BIR-Fachsparte Papier vorgetragenen Zusammenfassungen der Marktsituation spiegelten im Großen und Ganzen die geschilderte Wirtschaftslage wider, die im Wesentlichen von einer lebhaften Altpapiernachfrage geprägt war.

Positives erfuhren die Anwesenden ebenfalls über die Situation in Osteuropa. In Tschechien stieg – teilweise aufgrund der verbesserten Konjunktur – die Papierproduktion um 16 Prozent, während sich der Papierkonsum um drei Prozent erhöhte. In den Altpapiersammlungen habe vor allem der Anteil von Kaufhausware zugenommen, hieß es in dem Bericht. Infolgedessen habe in der ersten Jahreshälfte 2015 die Altpapier-Erfassung gegenüber dem Vorjahr um 80.000 Tonnen (oder 20 Prozent) zugelegt. Während der Altpapierverbrauch um 29.000 Tonnen (oder 20 Prozent) wuchs, seien die Exporte um 73.000 Tonnen (oder 23 Prozent) ausgeweitet worden.

Jaroslav Tymich, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von EuroWaste (Mondi Group), Vizepräsident des Verbandes der tschechischen Zellstoff- und Papierindustrie und Mitglied des Rohstoff-Komitees der Confederation of European Paper Industries (CEPI), informierte über die Altpapiersituation in den osteuropäischen Staaten. In dieser Region beträgt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Papier und Karton mittlerweile etwas über 50 Kilogramm; in den übrigen CEPI-Ländern beläuft sich die konsumierte Menge 160 bis 190 Kilogramm pro Person und Jahr. Die Recyclingrate in den osteuropäischen Ländern gab er zwischen 40 und 50 Prozent an, wobei die erreichte Quote variiert. Mengenmäßig ist die Recyclingrate in Mazedonien und den Baltischen Staaten am geringsten und in Russland sowie Polen am größten; im Mittelfeld sind die Tschechische Republik, die Ukraine und Ungarn angesiedelt. Wie Jaroslav Tymich weiter mitteilte, hat Russland im September den Export von Altpapier für drei Monate untersagt, um auf diese Weise die Rohstoffversorgung der russischen Papierindustrie sicherzustellen.

Reifenproduzenten und Altreifenaufbereiter sollten besser kooperieren

Während der Sitzung des BIR-Komitees Reifen und Gummi wies der Vorsitzende Ruud Burlet (Rubber Resources, Niederlande) auf die notwendige Kooperation von Recyclingunternehmen und Reifenherstellern hin, um die kurz-, mittel- und langfristigen Probleme zu lösen, die ein „gesundes wirtschaftliches Umfeld“ für die Reifenrecyclingwirtschaft gefährden. Mehrere neue Chancen für die Recyclingwirtschaft würden verpasst, wenn dieses Niveau der Zusammenarbeit und Kommunikation nicht beibehalten und weiterentwickelt würde.

Nach Meinung von Gastrednerin Fazilet Cinaralp, Generalsekretärin der European Tyre and Rubber Manufactuers‘ Association (ETREMA), ist es wichtig, die Entwicklung neuer Märkte für Sekundärrohstoffe zu unterstützen. Gedacht ist unter anderem an das „grüne“ öffentliche Beschaffungswesen und den Produktstatus von Materialien aus Altreifen. Die Rednerin sprach sich auch dafür aus, ein ausgeglichenes Portfolio an Aufbereitungstechnologien aufrechtzuerhalten und im Hinblick auf Standardisierungsaktivitäten für Materialien aus Altreifen weiter zu kooperieren.  Als sie einige etablierte Märkte für diese Materialien analysierte, warnte sie vor der möglicherweise negativen Auswirkung der EU-Vorschrift 1272/2013, die im Dezember dieses Jahres in Kraft getreten ist. Die neue Rechtslage verbiete in der EU die Produktion und den Verkauf von Waren, deren Gehalt an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAH – polycyclic aromatic hydrocarbon) einen gewissen Grenzwert überschreitet. Laut Fazilet Cinaralp würde dies den Inhalt von Belägen für Sportstätten (Kunstrasen) betreffen; in diesen Markt fließen den Angaben zufolge rund 30 Prozent des europäischen Altreifengranulats und -mehls.

„Die Textilrecycler müssen ihre Kompetenz demonstrieren“

Nach Meinung von Mehdi Zerroug (Framimex, Frankreich), Präsident der Fachsparte Textil, war die Aufmerksamkeit noch nie so intensiv auf das Recycling gerichtet gewesen wie in der Zeit vor der UN-Klimakonferenz in Paris (30. November bis 11. Dezember 2015). Nachdem die Zukunft der Textilrecyclingbranche nun ein politisches Thema sei, müsse der Weitschaftzweig zeigen, was Textilrecycling wirklich ist. Um zu verhindern, dass die Firmen Opfer nicht sachgemäßer Bestimmungen werden, müssten sie ihre Anforderungen erklären und zeigen, dass diese dem öffentlichen Interesse entgegenkommen. Nach seinem Dafürhalten sollte die Branche deshalb ihr Know-how in den Bereichen Sammeln, Sortieren und Verwerten ebenso demonstrieren wie ihr Engagement für Forschung und Entwicklung.

Der Weltklimagipfel in Frankreich treffe mit einer schwierigen Phase für Textilrecycler zusammen, so Zerroug, denn in dem Land seien die Unternehmen mit geringer „Containerproduktivität“ bis hin zu Problemen, eine Bezahlung für die Leistung zu erhalten, konfrontiert. In anderen Ländern ist die Situation nicht besser. Das gilt für Großbritannien ebenso wie für Belgien und Japan, um nur einige Beispiele zu nennen.


 

Stahlrecycling-Statistik

Während der Sitzung der Fachsparte Eisen & Stahl stellte Rolf Willeke in seiner Eigenschaft als statistischer Berater des Weltverbandes die internationale  Recycling-Bilanz für die erste Jahreshälfte vor.  In den ersten sechs Monaten dieses Jahres rutschte der Stahlverbrauch in China – im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum des Vorjahres – um 9,3 Prozent auf 43,1 Millionen Tonnen ab. Noch stärker war der Rückgang in Japan (minus 10,3 Prozent auf 17,03 Millionen Tonnen), der Republik Korea (minus 10,1 Prozent auf 15,17 Millionen Tonnen) und der Türkei (minus 10,3 Prozent auf 13,21 Millionen Tonnen). Wie Rolf Willeke in diesem Zusammenhang  konstatierte, reduzierte sich der Schrottverbrauch in diesen Ländern stärker als die Produktionsmenge.

In Europa (EU-28) stieg dagegen der Schrottverbrauch (um einen halben Prozentpunkt auf 48,4 Millionen Tonnen) im Einklag mit der Produktionsmenge (plus 0,5 Prozent auf 88,12 Millionen Tonnen). Die größten Schrottverbraucher waren nach der Statistik Italien (minus 5,4 Prozent auf 10,35 Millionen Tonnen), Deutschland (minus 5,5 Prozent auf 9,51 Millionen Tonnen), Spanien (plus 5,2 Prozent auf 6,37 Millionen Tonnen) und Frankreich (plus 3,7 Prozent auf 4,23 Millionen Tonnen).

Was den internationalen Schrotthandel angeht, so behaupteten die europäischen Länder (EU-28) nach wie vor ihre Spitzenposition, obwohl die Menge gegenüber der ersten Jahreshälfte 2014 um 12,1 Prozent auf 7,455 Millionen Tonnen zurückgegangen war. Innerhalb der EU beliefen sich die Exporte  auf 14,767 Millionen Tonnen, was einer Abnahme von 5,9 Prozent entsprach. Die USA exportierten im selben Zeitraum gegenüber dem Vorjahr 9,1 Prozent weniger Schrott (6,902 Millionen Tonnen), da weniger Material nach Taiwan (minus 19,1 Prozent), die Republik Korea (minus 42,9 Prozent) und Kanada (minus 23 Prozent) verkauft wurde.


Fachsparten-Präsident David Chiao (links) dankte Robert Stein (mitte) und Robert Voss (rechts) für ihr jahrelanges Engagement (Foto: BIR)

Fachsparten-Präsident David Chiao (links) dankte Robert Stein (mitte) und Robert Voss (rechts) für ihr jahrelanges Engagement (Foto: BIR)

Standing Ovation für Robert Stein und Robert Voss

Das Treffen der Fachsparte NE-Metalle war auch der Rahmen für die Verabschiedung von zwei langjährigen Mitgliedern des Vorstands von ihren BIR-Aktivitäten – Robert Stein (Alter Trading Company, USA), nun Ehrenpräsident der Fachsparte, und Robert Voss CBE (Commander of the Most Excellent Order of the British Empire), früher Vorstandsmitglied der Fachsparte und Vorsitzender des Internationalen Handelsrats im Weltverband.

Wie Robert Stein betonte, sind die Geschäftsbedingungen derzeit „schmerzhaft und hässlich“, teilweise aufgrund der exzessiven Kapazitätsausweitung infolge der starken Nachfrage aus China. Während manche Unternehmen verschwänden, würden solche mit Weitsicht die Branche in einen Zyklus mit akzeptablem Wachstum führen.

Robert Voss, der seit seinem Eintreten in den Weltverband im Jahr 1976 auf mehr als 70 BIR-Tagungen zurückblicken kann, bezeichnete die Kommunikationsrevolution als die größte Veränderung für die NE-Metallbranche, der er seit über 40 Jahren angehört. Früher hätten die Marktteilnehmer via Kabel miteinander kommuniziert, heute sei es das Internet.


 

Vierte Europäische Erklärung zur Wiederverwertung von Papier

In ihrer Eigenschaft als Präsidentin des Europäischen Altpapierrats (European Recovered Paper Association – ERPA) informierte Merja Helander (Lassila & Tikanoja Plc, Finnland) über die jüngsten Entwicklungen. Nach dem kürzlich veröffentlichten neuesten Monitoring-Bericht zum Thema Altpapier wurden im vergangenen Jahr 58 Millionen Tonnen Altpapier erfasst, was im Vergleich zu 2013 eine Steigerung von 0,7 Prozent bedeutet. Das exportierte Altpapiervolumen in Länder außerhalb der Europäischen Union betrug 2014 netto 8,6 Millionen Tonnen. Die Recyclingrate in Europa beträgt nach der Statistik 71,7 Prozent.

Darüber hinaus kündigte die ERPA-Präsidentin die vierte Europäische Erklärung zur Wiederverwertung von Papier für die kommenden fünf Jahre (2016 bis 2020) an, die noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll. In diesem Zusammenhang bestätigte Jaroslav Tymich, dass die europäische Papierindustrie das Ziel, eine Recycling­rate von 74 Prozent bis zum Jahr 2020 zu erreichen, als Basis für die Diskussion mit den Partnern der Papierkette zugrunde legen werde.


 

Brigitte Weber

Foto: BIR

(EUR1215S18)