Gewerbeabfall: Weg von der energetischen Verwertung?

Mangelnde  Kontrolle und kostengünstigere Abfallverbrennung haben dazu geführt, dass bislang bei Gewerbeabfällen die Abfallhierarchie – stoffliche vor energetische Verwertung – nicht umgesetzt wurde. Von rund 9,5 Millionen Tonnen gewerblicher Abfälle gelangen nur 1,5 Millionen ins Recycling. Unter Umständen könnte die novellierte Gewerbeabfallverordnung daran etwas ändern.

Die geringe Recyclingquote für Gewerbeabfall liegt zum einen daran, dass die Entscheidung, ob, welche und wie viele Wertstoffe aus dem Abfallgemisch gewonnen werden, beim Anlagenbetreiber liegt. Und zum anderen daran, dass die gegenwärtige Gewerbeabfallverordnung Reststoffe bereits dann als verwertet ansieht, wenn sie einer Erstbehandlungsanlage zugeführt wurden. Eine fehlende Stoffstromlenkung sowie verfehlte Steuerungswirkungen verhindern jedoch die richtlinienkonforme Erfassung von Gewerbeabfällen. Darüber hinaus wäre die wirksame Kontrolle der in die Millionen gehenden, Abfall verursachenden Betriebe auf Einhaltung der Getrennthaltungspflicht mit einem nicht vertretbaren bürokratischen Aufwand verbunden.

Eine 85-prozentige Sortierquote

Mit Einführung der novellierten Gewerbeabfallverordnung könnten sich Getrennthaltung und Recyclingquoten verändern. Für die Abfallerzeuger soll sich die Erfassung gemischter Materialien verringern und eine Dokumentations- und Nachweispflicht eingeführt werden. Für die Betreiber von Vorbehandlungsanlagen soll eine 85-prozentige Sortierquote für gemischte Gewerbeabfälle dafür sorgen, dass nach zwei Jahren 30 Prozent der Abfälle beziehungsweise 25,5 Prozent des Inputs und nach vier Jahren 50 Prozent der Abfälle beziehungsweise 42,5 Prozent des Inputs recycelt werden. Darüber hinaus sind strengere Kontroll- und Nachweispflichten vorgesehen, darunter eine monatliche Dokumentation der Sortierquote und eine jährliche Dokumentation der Recyclingquote.

7,5 Millionen Tonnen verbrannt oder mitverbrannt

2013 waren von den 339 Millionen Tonnen Netto-Abfallaufkommen in Deutschland rund 50 Millionen Tonnen (14 Prozent) Siedlungsabfälle, darunter 1,1 Prozent hausmüllähnliche Gewerbeabfälle, die getrennt vom Hausmüll angeliefert oder eingesammelt wurden, und 1,6 Prozent gemischte Verpackungen. Das Siedlungsabfallaufkommen veränderte sich im Laufe der letzten zehn Jahre wenig. Von den unter „Gewerbeabfällen“ subsumierten, insgesamt 9,4 Millionen Tonnen  schwankten – abhängig von der Konjunktur – die von Hausmüll getrennt erfassten Mengen stellenweise erheblich, während die gemischten Verpackungsabfall-Mengen weniger variierten.  Was die Erstbehandlung für Gewerbeabfall anlangt, wurden etwa zwei Drittel (64 Prozent) in Sortieranlagen, mechanisch-biologischen Anlagen oder anderen stofflichen Verwertungsanlagen behandelt. Die anderen 36 Prozent gingen in thermische Abfallbehandlungsanlagen oder Feuerungsanlagen. Während die stoffliche Verwertung in den letzten acht Jahren bei fünf Millionen Tonnen lag, aber kaum merklich stieg, ersetzte die energetische Verwertung große Anteile der thermischen Verwertung. Letztendlich wurden 300.000 Tonnen an Gewerbeabfällen deponiert, 1,5 Millionen Tonnen recycelt, 3,7 Millionen Tonnen in MVA verbrannt und 3,8 Millionen Tonnen zur Mitverbrennung an Ersatzbrennstoff-Kraftwerke geliefert.

In den letzten Jahren hat sich der Markt für Abfallverbrennung von Überkapazitäten zu voll ausgelasteten Anlagen entwickelt. Ursachen für die gute Auslastung sind stark gestiegene Importe, insbesondere aus dem Vereinigten Königreich, und eine gute Konjunkturentwicklung. Laut Mitgliederumfrage der ITAD im Jahr 2015 sind 27 Anlagen zu 95 bis 100 Prozent und 33 Anlagen zu 100 bis 105 Prozent ausgelastet. Hinzu kommen sieben Anlagen mit einem Auslastungsgrad über 105 Prozent, sodass rund 97 Prozent aller Anlagen Volllast fahren.

Trend zu höheren Entsorgungspreisen

Das erwarten laut Umfrage ITAD-Mitglieder auch für 2016 und großenteils für 2017, wodurch es kurzfristig und bei längerfristigen Verträgen zu höheren Entsorgungspreisen kommen wird. Allerdings rechnet die Branche bis 2024 mit einem Rückgang der Kapazitäten um 1,3 Millionen Tonnen, teils der Überalterung und damit Stilllegung von Linien oder ganzer Verbrennungsanlagen geschuldet, teils aufgrund der sinkenden Mitverbrennung in Kohlekraftwerken. Mittelfristig wird aber auch weiterhin mit leicht steigenden Preisen zu rechnen sein, da vereinzelt Engpässe bei Verbrennungsanlagen auftreten werden, Neubauten sich weder in Planung noch in der Realisierungsphase befinden und – mit Spitze in 2018 – steigende Importmengen zu erwarten sind. Diese Entwicklung könnte die Umleitung von Abfällen in die Sortierung bewirken, doch bleibt die Sortierung gemischter Gewerbeabfälle aufwändig und der Absatz der erzeugten Recyclingstoffe riskant.
Das Aufkommen hausmüllähnlicher Gewerbeabfälle und gemischter Verpackungen wird für die nächsten Jahre als konstant angesehen, da sich Wirtschaftswachstum und Effekte der Abfallvermeidung ausgleichen dürften. Allerdings könnte durch verbesserte Trennung von gemischten Abfällen die stoffliche Verwertung gesteigert werden, auch um die anziehenden Entsorgungskosten zu vermeiden. Inwieweit die neue Gewerbeabfallverordnung in diesem Punkt wirksam wird, bleibt abzuwarten.

Der Artikel stellt die Zusammenfassung eines Vortrags zum „Markt für Gewerbeabfälle in Deutschland“ dar, den trend:research-Fachbereichsleiter Jens Gatena auf der Recycling-Technik am 4. November in Dortmund hielt.

Foto: O. Kürth

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