Gipsrecycling: Noch etliche Steine im Weg

Barrieren für den Einsatz von Recyclinggips bestehen unter anderem im fehlenden Produktstatus, und dass die Abfallhierarchie nicht beachtet wird.

Nach dem letzten Stand der Statistik betrug im Jahr 2013 in Deutschland – neben natürlichen Quellen zur Herstellung – die Produktion von REA-Gips aus den Rauchgas-Entschwefelungs-Anlagen von Stein- und Braunkohlekraftwerken 7,10 Millionen Tonnen. Hinzu kamen kleinere Mengen aus recycelten Produktionsausschüssen. Informationen der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau im Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e.V. zufolge fielen und fallen jährlich deutschlandweit etwa 600.000 Tonnen Bauabfälle auf Gipsbasis an, die 0,3 Prozent aller mineralischen Bauabfälle ausmachen. Neben einer noch unbezifferten Menge wie zum Beispiel anhaftende Putze sind damit in Summe etwa 300.000 Tonnen „recyclingfähige Gipsplattenabfälle“ im Bauschutt vorhanden, die ein hohes Recyclingpotenzial enthalten.

Im Vergleich: In Skandinavien und dem Vereinigten Königreich liegen die Entsorgungskosten über Deponien bei 100 Euro pro Tonne und höher zuzüglich Transportkosten und Deponiesteuer. Da die Recyclingkosten erheblich niedriger liegen, konnten diese Länder in den letzten Jahren umfangreiche Erfahrungen mit dem Einsatz von Recyclinggips machen. Für 2015 wird in Nordeuropa mit Gipsplatten-Abfallmengen in Höhe von 734.000 Tonnen gerechnet. Etliche EU-Staaten haben bereits Gipsrecycling-Aktivitäten gestartet.

Recyclingkonzept auf drei Säulen

Das bietet sich aus mehreren Gründen auch für Deutschland an: Neben der Hersteller- und Produktverantwortung steht mit Gipsabfällen ein Material zur Verfügung, das spätestens ab 2020 als Ressource bewirtschaftet werden soll. Hinzu kommen Nachhaltigkeits-Bewertungssysteme für Gipsprodukte (recycled content).

Der Bundesverband der Gipsindustrie hat dazu ein Recyclingkonzept primär für Gipsplattenabfälle entwickelt, das auf drei Säulen beruht: der Festlegung einheitlicher Qualitätsanforderungen für Deutschland, einem Ende der Abfalleigenschaft durch den Produktstatus für RC-Gips und einheitlichen Regelungen für die gesamte Gipsindustrie und beteiligte Gipsplattenwerke. Das Ziel: die sortenreine Trennung bei weitgehender Abtrennung von Papier und Störstoffen. Nach den Verfahrensschritten Vorzerkleinern, Magnetabscheidung und Siebung erfolgt hier die Zerkleinerung über zwei Grundtechniken: Einsatz hoher kinetischer Energie zum Beispiel über Prallbrecher für starke Zerkleinerung und Einsatz von Schnecken- oder Schraubenmühlen zur langsamen Scher-Beanspruchung für gröbere Partikel. Die Ergebnisse müssen festgelegten, einheitlichen Qualitätsanforderungen entsprechen, für die technische Parameter mit Modifikationsmöglichkeiten vorgegeben sind. Für Spurenelemente werden verbindliche Höchstwerte aufgestellt, um jegliche öko- oder humantoxokologischen Belastungen auszuschließen.

Einsatz noch nicht genehmigt

Das recycelte Material stößt noch auf Widerstand. Bislang wird die Verwendung von RC-Gips eher nicht erwünscht, und für den Einsatz in Gipswerken gibt es noch keine Genehmigung; dagegen wurde bereits ein Beschwerdeverfahren bei der EU-Kommission eingeleitet. Allerdings ist das Ende der Abfalleigenschaft über Paragraf 5 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes geregelt, wenn ein Verwertungsverfahren durchlaufen wurde und die Verwendung für einen bestimmten Zweck, Markt oder Nachfrage und die Erfüllung bestimmter Vorschriften gegeben sind. Daher wären ein Produktstatus von Recyclinggips, die Vereinheitlichung von Qualitätsanforderungen, die Abnahme durch Gipswerke und die Realisierung einer Gesamtannahmekapazität von zunächst 150.000 Tonnen pro Jahr und einer Perspektive von 300.000 Tonnen pro Jahr – also rund 25 beziehungsweise 50 Prozent der derzeitigen Bauabfälle auf Gipsbasis – realisierbar.

Von Gips zu Gips

Die Verarbeitung könnte stattfinden in den Werken von der Knauf Gips (5), Siniat (3), Compagnie de Saint-Gobain (2), Fermacell (3) und Casea (3). Erste Umsetzungen gab es 2014 in Großpösna bei Leipzig durch die Mitteldeutsche Umwelt- und Entsorgung GmbH und im württembergischen Lauffen durch die Strabag Umwelttechnik GmbH. In beiden Projekten wurde dem Recyclinggips von den zuständigen Genehmigungsbehörden der Status des Endes der Abfalleigenschaft zuerkannt. Allerdings ist die Anlage nahe Leipzig nur zu 50 Prozent ausgelastet und sucht Input. Die Europäische Kommission verfolgt derweil mit dem EU-Life+ Projekt „Vom Gips zu Gips – Von der Produktion zum Recycling“ einen integralen Ansatz, in deren Mittelpunkt die Aufbereitung von sortenrein separierten Gipsabfällen aus Neubau oder Rückbau zu Recyclinggips als qualitätsgerechtem Sekundärrohstoff steht. Doch noch bestehen – neben fehlendem Produktstatus – Barrieren für den Einsatz von RC-Gips darin, dass zur Kostenvermeidung die Abfallhierarchie nicht beachtet, sondern alternative Verwertungs- und Beseitigungswege wie die Verfüllung und Abdeckung von Kalihalden oder Deponien vorgezogen werden. Oder man die kostengünstigere Verbringung ins benachbarte Ausland wählt: Aktuell setzt Tschechien Gipsabfälle zur Rekultivierung von uranhaltigen Bergbauschlämmen ein.

Naturgips-Anteil wird zunehmen

Ob Recyclinggips REA-Gips in nächster Zukunft ersetzen kann, ist zweifelhaft. Zwar wird damit gerechnet, dass der RC-Gips-Anteil am Gesamt-Gipsangebot steigen wird: Für 2015 dürfte er fünf Prozent, für 2016 zehn Prozent und ab 2020 zwanzig Prozent betragen. Und der Beitrag von REA-Gips soll – trotz prognostiziert steigender Nachfrage – aufgrund der Energiewende in den nächsten Jahren auf zunächst 48 Prozent (2016), dann 40 Prozent (2020) und 30 Prozent (2030) fallen. Laut einer Leitstudie des Bundesumweltministeriums soll REA-Gips ab 2020 von rund sieben  Millionen Tonnen pro Jahr auf 300.000 Tonnen sinken; eine neuere Energie-Referenz-Studie des Bundeswirtschaftsministeriums prognostiziert lediglich einen Rückgang auf 2,2 Millionen Tonnen. Wie auch immer: Unter den gegebenen Bedingungen wird Recyclinggips maximal 20 Prozent des Gesamtverbrauchs an Gipsbaustoffen abdecken und damit die „REA-Gips-Lücke“ nicht schließen können. Der Abbau von Naturgips wird mittelfristig wieder zunehmen. Das könnte sich ändern, werden Qualitätsstandards erstellt und eingehalten, Gipsplatten sortenrein rückgebaut, dem Recycling Vorrang vor sonstiger Verwertung eingeräumt und die Billigentsorgung auf deutschen Deponien und im Ausland unterbunden.

Der Artikel geht auf einen Vortrag von Dr.-Ing. Jörg Demmich über die „Entwicklung des Giprecyclings in Deutschland“ am 4. November 2015 auf der Recycling-Technik-Messe zurück.

Foto: Bundesverband der Gipsindustrie e.V.

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