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So attraktiv sind Printmedien

Martyn Eustace von der Initiative Two Sides UK sieht Zeitungen und Zeitschriften gegenüber digitalen Formaten weiterhin im Vorteil. Außerdem lassen sich die Verlage einiges einfallen, um Marktanteile zurückzugewinnen. Auf dem Ingede Sympo­sium in München stellte der Gastreferent die Kampagne „Print Power Europe“ vor, die schon in 13 europäischen Ländern unterstützt wird.  

Die Branchentagung am 24. Februar im Haus der Bayerischen Wirtschaft wartete wieder mit interessanten Beiträgen rund um die Themen Druckfarben- und Klebstoffentfernung aus grafischen Altpapier auf. Die Tagung wurde zum letzten Mal von Dr. Ulrich Höke als Vorsitzendem der Internationalen Forschungsgemeinschaft Deinking-Technik e.V. (Ingede) geleitet. Der 65jährige bewarb sich aus Altersgründen nicht mehr für eine weitere Amtszeit und wird im Juni 2016 auch die Geschäftsführung der Stora Enso Sachsen GmbH niederlegen. Nachfolger ist Dr. Thomas Krauthauf (UPM), zu seinem Stellvertreter wurde Stefan Endras (Utzenstorf Papier) gewählt. Dr. Volker Gehr (Steinbeis Papier), Dr. Johann Oberndorfer (UPM), Thomas Reibelt (Norske Skog), Alejandro Rodríguez (Holmen Paper), Manfred Geistbeck (UPM), Peter Hengesbach (Stora Enso) und Anne-Katrin Klar (SCA Hygiene) komplettieren den neuen Vorstand der Vereinigung.

Dr. Ulrich Höke [1]

Dr. Ulrich Höke

Ulrich Höke führte die Aktivitäten der Ingede seit 2003 an. Über drei Millionen Euro wurden seitdem in Forschungs- und Entwicklungsprojekte entlang der Wertschöpfungskette Altpapier investiert. Von 2010 bis 2012 war Höke außerdem Vorsitzender des European Recovered Paper Council (ERPC). Ingede-Testmethoden – 17 gibt es bislang – bilden dabei die Basis der ERPC-Kriterien in zahlreichen Umweltzeichen zur Gütebestimmung von Altpapier, zu Papier- und Stoffeigenschaften und zur Rezyklierbarkeit von Druckerzeugnissen. Im letzten Jahr setzten die Mitgliedsunternehmen der Vereinigung insgesamt rund sieben Millionen Tonnen grafisches Altpapier als Rohstoff ein. Sorgen bereiten dabei der Deinking-Branche, dass Zeitungen und Zeitschriften gegenüber digitalen Formaten weiter an Marktanteilen verlieren und folglich immer weniger grafisches Altpapier – in erforderlichen Qualitäten – in den Rücklauf und damit in Verwertungsprozesse gelangt.

Was die Sinne anspricht

Martyn Eustace [2]

Martyn Eustace

Martyn Eustace von der Initiative Two Sides UK ist davon überzeugt, dass sich Printmedien gegenüber elektronischen Alternativen behaupten werden. Auf dem Ingede Symposium in München stellte der Gastreferent die Kampagne „Print Power Europe“ (www.printpower.eu [3]) vor, die von Verlagen, papierverarbeitenden Industrien und auch politisch in mittlerweile 13 europäischen Ländern unterstützt wird. Anhand von Videos zeigte Eustace dabei, was sich Zeitungen und Zeitschriften in aller Welt einfallen lassen, um gegenüber digitalen Medien bestehen zu können. So kann man in Südamerika Tageszeitungen kaufen, die mit einem Insektenschutzmittel imprägniert sind, das Moskitos fernhält. Im britischen Fernsehen werben derzeit Hochglanz-Lifestyle-Magazine mit sehr witzigen, kreativen Spots für ihre Blätter, die laut Eustace großen Erfolg haben.

Und es gibt gute Gründe, an Zeitungen und Zeitschriften festzuhalten. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Gedruckte Informationen werden von den Lesern anders verarbeitet als am Bildschirm. Sie werden aufmerksamer gelesen und bleiben länger im Gedächtnis, der Leser ist weniger abgelenkt. Auch wird Print als haptisches Erlebnis empfunden, das die Sinne anspricht. Print Power Europe hat in diesem Zusammenhang eine Umfrage zum Leseverhalten durchgeführt. Dabei gaben 84 Prozent der Teilnehmer an, dass das Informationsangebot von Printmedien nützlicher und nachvollziehbarer sei als bei elektronischen Medien. 72 Prozent finden gedruckte Dokumente leichter und weniger anstrengend zu lesen, und Printanzeigenwerbung wird von 54 Prozent mehr wahrgenommen. 56 Prozent der Umfrageteilnehmer würden es außerdem bevorzugen, dass Schulkinder aus Büchern lernen.

Ulla Forsström [4]

Ulla Forsström

Eingangskontrolle mittels FT-IR-Spektroskopie

Weitere Vorträge auf dem Ingede Symposium in München behandelten das Problem der unterschiedlichen Zusammensetzung und damit der Deinkbarkeit von Altpapier im internationalen Vergleich. Shisei Goto (Nippon Paper) berichtete, wie sich die Papierindustrie in Japan dieser Herausforderung stellt. Und die dort angewendeten Verfahren zur Druckfarbenentfernung divergieren deutlich von denen in Europa. Nach der Mittagspause informierte Thierry Delagoutte vom französischen Centre Technique du Papier (CTP) in Grenoble über das Ingede-Projekt 147 15, das Methoden zur Reduzierung störender Klebstoffapplikationen beim Papierrecycling entwickelt. Im Anschluss daran präsentierte Ulla Forsström (VTT Finnland) das von der Europäischen Union geförderte Reffibre-Projekt, das den Einfluss technischer Innovationen bei der Papierproduktion auf die Rezyklierbarkeit und das Endprodukt untersucht und dazu neue Informationstools bereitstellt.

Antje Kersten [5]

Antje Kersten

Der Vortrag von Antje Kersten von der Technischen Universität Darmstadt, Fachgebiet Papierfabrikation und Mechanische Verfahrenstechnik, ging auf das Ingede-Projekt 145 14 ein, das die Altpapier-Eingangsqualitätskontrolle zum Forschungsthema hat. So lässt sich die Deinkbarkeit von Druckerzeugnissen mittels FT-IR-Spektroskopie feststellen. In dem Projekt kommt ein Analysegerät der Bruker Optik GmbH (Bruker Corporation Group) zum Einsatz. Verglichen mit dispersiv arbeitenden Spektrometern zeichnet sich ein FT-IR-Spektrometer durch wesentlich kürzere Messzeiten aus. Mit dem Gerät von Bruker konnten in dem Projekt einige digital gedruckte Produkte und alle Arten von Papierprodukten mit filmbildender Druckfarbe identifiziert werden. Auch Zeitungen, die im Offset-Verfahren gedruckt werden sowie lackierte Druckprodukte wurden erkannt, nicht aber Offset- und Flexo-Druckerzeugnisse.

Fotos: Marc Szombathy
Foto oben: pinkomelet / fotolia.com

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