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Der Basler Abfallkönig: Vom Lumpen-Levy zur Recupa AG 1886 – 1973

Es heißt gemeinhin „Du Lump“, wenn sich jemand niederträchtig verhalten hat. Lumpensammler zogen über Jahrhunderte durch Europas Straßen und Gassen, um Stofffetzen und Altkleider einzusammeln, die für die wertvolle Papiergewinnung nötig waren. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Verfahren erfunden, welches Holz (Cellulose) zum Rohstoff für Papier machte. Neben stinkenden Lumpen sammelten arme Außenseiter der Gesellschaft auch Knochen für Leim oder Altmetall. Kaum etwas ging verloren, möglichst viel wurde recycelt.

Die Basler Historikerin Doris Hugel hat sich in einem lesenswerten, informativen und vom Hier und Jetzt Verlag in Zürich auch optisch wunderbar gestalteten Buch daran gemacht, Spuren ihrer Vorfahren, die im Lumpensammler-Geschäft tätig waren und groß wurden, aufzunehmen. Sie konnte sich dabei auf quellenmäßige Glücksfälle stützen, nämlich auf lebensgeschichtliche, autobiographische Dokumente, die Einblicke geben in den oftmals schmutzigen Alltag und auch in die Schwierigkeiten, die das ruppige Geschäftsleben und das riskante politische Engagement links der Mitte in den Jahrzehnten um 1900 mit sich brachten.

Tobias Levy-Isliker (1850 bis 1920), in der Stadt Basel gemeinhin nur der „Lumpen-Levy“ genannt, wuchs im noch in vielerlei Hinsicht ständisch geprägten Hamburg unter ärmsten, ja elenden Bedingungen im Gänge-Viertel, einer Art Slumquartier, auf. Er ging auf die Walz, gen Süden, Mannheim zu, blieb gewissermaßen 1875 in der Schweiz hängen, nahm verschiedene Arbeitsstellen an, um dann als Arbeiter bei Samuel Bertsche (1823 bis 1883) in dessen bedeutender Abfallverwertungsfirma zu sortieren, neben vielen weiblichen Sortiererinnen, die Gestank, Gärungsprozesse schlechte Luft, wenig Licht und einen geringen Lohn auszuhalten hatten. Betrug gehörte allenthalben zum Geschäft, und der leichtgläubige Prinzipal ließ sich mehrfach hinters Licht führen, bis ihm der aufmerksame Levy auf die Sprünge half und somit aufstieg, bald einen Bürojob innehatte und auch im Außendienst tätig war.

Tobias Levy-Isliker war auch politisch aktiv, sei es im Deutschen Arbeiter-Verein (DAV), sei es im Nazarenerverein, einer Art Quartierverein für arme Kinder, sei es später auch noch als Unternehmer im linksdemokratischen, patriotischen Grütliverein mit seinen Schieß- und Turnsektionen, die dem jüdischstämmigen Levy-Isliker genauso zusagten wie das Singen.

„Lumpen-Levy“ machte die Bekanntschaft bekannter Basler Reformer und Sozialdemokraten seiner Zeit, manche von ihnen, Stephan Gschwind (1854 bis 1904) und Oskar Türke (1854 bis 1928), nannte er sogar seine Freunde. Als Mann mit jüdischem Namen hatte der überzeugte Alkoholabstinenzler Levy-Isliker, der seine Berner Haushälterin geheiratet hatte, trotzdem sehr unter antisemitisch inspirierten Beschimpfungen zu leiden. Dies setzte sich auch fort, als er sich selbständig machte, eine Tellerwäscherkarriere hinlegte und eine neue Fabrik in Birsfelden erbauen ließ – eine Fabrik (GEVA), die später seinen Nachkommen als Basis der bekannten Recupa AG (bis 1973) diente.

Autor: Dr. Fabian Brändle, Wil SG, Historiker und Volksschriftsteller

 

 

(Erschienen im EU-Recycling Magazin 05/2026, Seite 23 -Buchvorstellung-, Buchcover: Hier und Jetzt Verlag, Zürich)

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