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„Wir stehen vor grund­legenden Veränderungen“

Die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen politischen Entscheidungsträgern, Regulierungsbehörden und der Recycling- sowie Wiederverwendungsbranche war eine zentrale Botschaft der Sonderveranstaltung, die im Rahmen der BIR World Recycling Convention am 2. Juni 2026 in Göteborg von der Textilsparte des Weltverbandes organisiert wurde.

Internationale Vertreter der Wertschöpfungskette erörterten, wie Politik, Handel und Marktrealitäten gemeinsam eine Kreislaufwirtschaft für Textilien verwirklichen können.

Martin Böschen, Vorsitzender der BIR-Textilsparte, bezeichnete die aktuelle Situation als „entscheidenden Moment“ für die Branche. „Wir stehen vor grundlegenden Veränderungen, die durch politische Vorgaben, Marktentwicklungen und die wachsende Dringlichkeit, eine echte Kreislaufwirtschaft zu etablieren, vorangetrieben werden“ – und diesen Entwicklungen müsse auf globaler Ebene begegnet werden. Im vergangenen Jahr habe das Bureau of International Recycling (BIR) seine Rolle als weltweite Stimme des Marktes für die Wiederverwendung und das Recycling von Textilien „maßgeblich gestärkt“ und sich aktiv an wichtigen internationalen Prozessen beteiligt, darunter dem Basler Übereinkommen der UN sowie umfassenderen multilateralen Gesprächen.

Der CEO der Schweizer Texaid-Gruppe sieht das politische Umfeld als zunehmend komplexer an. Das Basler Übereinkommen – so Böschen – trete in eine neue Arbeitsphase in Bezug auf Alttextilien und Textilabfälle ein, was potenzielle Auswirkungen auf den Welthandel und die Klassifizierung haben könnte. Zudem tritt im Mai 2027 die EU-Verordnung über die Verbringung von Abfällen in Kraft, wobei hier noch Unklarheiten bestünden. Hinzu komme die Einführung der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) auf vielen Märkten innerhalb und außerhalb der EU. Solche Maßnahmen würden die Art und Weise, wie Textilien sortiert, wiederverwendet und recycelt werden, grundlegend verändern.

Gleichzeitig sei das Marktumfeld geprägt von sinkender Produktqualität, steigenden Mengen an Fast Fashion und einem wachsenden Ungleichgewicht zwischen Angebot und tatsächlicher Nachfrage nach Wiederverwendung. Auch der aktuelle Konflikt im Nahen Osten wirke sich auf die Lieferkette aus.

Wissenskluft zwischen Behörden und Akteuren
Rodrigo Polanco, Senior Researcher und Dozent am World Trade Institute der Universität Bern sowie am Schweizerischen Institut für Rechtsvergleichung, äußerte sich beeindruckt von der Wissenskluft zwischen den für diesen Sektor zuständigen Regulierungsbehörden und den in der Branche tätigen Akteuren. Seine zentrale Botschaft an die Branche lautete, mit den politischen Entscheidungsträgern und Regulierungsbehörden zusammenzuarbeiten.

Polanco ist Mitautor einer aktuellen Studie der Vereinten Nationen mit dem Titel „Improving Circularity in Second Hand Clothing Through Trade Regulation“. Sein Bericht auf der BIR World Recycling Convention 2026 in Göteborg kam zu dem Schluss, dass sorgfältig ausgearbeitete und auf den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) basierende technische Vorschriften dazu beitragen könnten, die Qualität von Second-Hand-Kleidung zu steigern. Die Rückverfolgbarkeit mittels digitaler Instrumente sei von grundlegender Bedeutung. Ein nachhaltiger Second-Hand-Markt erfordere koordinierte Maßnahmen auf allen Ebenen. Kreislaufwirtschaft ließe sich fördern, indem Mechanismen der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) mit der Handelspolitik verknüpft würden – um sicherzustellen, dass diejenigen, die von diesen Warenströmen profitieren, auch einen Beitrag zur Bewältigung der nachgelagerten Auswirkungen leisten.

Durch Aufklärung die Richtung ändern
In der ersten Podiumsdiskussion der Veranstaltung der BIR-Textilsparte, die von Savannah Coombe, Redakteurin beim britischen Portal Letsrecycle.com, moderiert wurde, erklärte Jessica Franken, Vizepräsidentin für Regierungs- und Außenbeziehungen bei der US-amerikanischen Secondary Materials and Recycled Textiles Association (SMART), die Arbeit des Basler Übereinkommens im Bereich Alttextilien sei „stark geprägt“ von der „negativen medialen Berichterstattung“ über den Handel mit gebrauchter Kleidung.

Möglicherweise würden Textilien künftig so eingestuft, dass für ihren Export eine „vorherige informierte Zustimmung“ (Prior Informed Consent) erforderlich sei, was eine Handelsbarriere darstellen würde. „Offen gesagt: Sollten einige dieser extremeren Vorschläge tatsächlich umgesetzt werden, bestünde die Gefahr, dass das seit weit über hundert Jahren erfolgreich funktionierende Kreislaufsystem für Textilien im Grunde zerstört wird.“ Franken hoffe, durch die Aufklärung politischer Entscheidungsträger über die Arbeitsweise der Branche sowie darüber, was als Abfall gelte und was nicht, „die Richtung dieser Entwicklung ändern zu können“.

Vertrauen und Transparenz schaffen
Dr. Zainab Naeem, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sustainable Development Policy Institute in Pakistan, erläuterte, dass Pakistan der größte Importeur von Second-Hand-Kleidung sei. Der Bereich der gebrauchten Textilien biete Marktchancen, doch gebe es Herausforderungen im Zusammenhang mit den vom Zoll verwendeten HS-Codes, die nicht zwischen Textilabfällen und Second-Hand-Kleidung unterscheiden würden. Globale Kriterien könnten dabei helfen, diesen gesamten Handel zu definieren und neu zu gestalten sowie die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten.

Kaj Pihl, Berater für Umwelt und Recycling bei der dänischen Organisation Humana People to People, vertrat die Auffassung, dass festgelegte Standards für die akzeptable Qualität der Ware in Ballen Vertrauen und Transparenz schaffen würden. Von der künftigen ISO-Norm für den grenzüberschreitenden Handel mit Gebrauchtwaren (einschließlich Second-Hand-Kleidung), die derzeit entwickelt wird, erwartet Pihl Erleichterungen.

Verlässliche Daten als Grundlage
Jennifer Wang betonte die Notwendigkeit verlässlicher Daten als Grundlage für politische Entscheidungen und Investitionen. Die Gründerin von Full Cycle Resource Consulting sprach die Debatte über Zahlen zu Textilabfällen in Ballen mit gebrauchter Kleidung an: Einige Studien bezifferten den Abfallanteil auf 0,8 Prozent, während andere von bis zu 60 Prozent ausgingen. Medien hätten diese Studien aufgegriffen und Zahlen sowie Ergebnisse hervorgehoben, ohne sie in den richtigen Kontext zu setzen. Wang rief dazu auf, Studien kritisch zu betrachten: Wer wurde befragt, wie wurden die Fragen gestellt, welche Definitionen lagen zugrunde, wer stand hinter der Studie, und in welchem Kontext wurde diese erstellt?

Nach Meinung von Jessica Franken spiegelt die Politik oft einen Teil von Fehlinformationen wider. Es mangele an kritischer Auseinandersetzung bei der Bewertung von Studien und der teils unzulässigen Vergleiche, die darin angestellt würden. Positiv vermerkte Franken, dass Maßnahmen wie die in einigen US-Bundesstaaten eingeführte erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit sowie Vorgaben zur erforderlichen Datentiefe enthielten. Dies biete der Branche die Chance, an der Gestaltung eines realistischen Systems mitzuwirken.

Politische Entscheidungsträger in den Industrieländern müssten jedoch die Realitäten der Branche in den Entwicklungsländern – die einen Großteil der gebrauchten Kleidung aufnehmen – sowie den informellen Charakter dieses Sektors verstehen, warf Zainab Naeem ein. Pakistan fehle es an Wissen, Technologie und finanziellen Mitteln, um Systeme wie Rückverfolgbarkeit und EPR einzuführen. Daher sei gegenseitige Unterstützung zwischen den Regionen erforderlich. Jennifer Wang, die umfangreiche Feldforschung in ostafrikanischen Ländern betrieben hat, berichtete, dass die Akteure in den Empfängerländern zwar „mit am Tisch sitzen“ wollten, aber mittlerweile misstrauisch seien, wie ihre Geschichte dargestellt würde: „Ich denke, die Frage lautet: Wie binden wir sie künftig ein?“ Jessica Franken bezeichnete die Situation als politischen Kolonialismus: „Der Globale Norden schreibt vor, was seiner Meinung nach in diesen Empfängerländern geschehen sollte. Dabei findet kein wirklicher Austausch mit den Menschen und Unternehmen statt, die davon betroffen sind und deren Lebensunterhalt davon abhängt.“

„Das Problem beginnt bei Fast Fashion“
Auch die weltweit unterschiedliche Verwendung von Begriffen und Interpretationen stellt ein Problem dar – insbesondere bei der Frage, was als „Abfall“ gilt. In Pakistan sei Nachhaltigkeit zwar fester Bestandteil traditioneller Praktiken, doch in den Landessprachen fehlten Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Kreislaufwirtschaft. „Wir können dies also nicht mit bewährten globalen Verfahren verknüpfen oder sagen, ob es sich um Nachhaltigkeit oder Kreislaufwirtschaft handelt“, erklärte Naeem.

Nohar Nath, Direktor bei der indischen Kishco Group, teilte die Überzeugung: „Das Problem beginnt bei Fast Fashion und der Menge an Kleidung, die heute weltweit entworfen, produziert und konsumiert wird.“ Dass der Fast-Fashion-Trend immer weiter zunimmt, liege nicht in der Verantwortung von Regierungen und der Industrie. Nur die Verbraucher könnten hier etwas ändern. Jennifer Wang ergänzte, dass Fast Fashion auch zu Fehlinformationen über Second-Hand-Kleidung führe – ein Thema, über das „nicht viele Menschen sprechen“.

Wenn Materialien vermischt werden
Die zweite Podiumsdiskussion, geleitet von Andreia Barbosa, Referentin für Kreislaufwirtschaft bei Humana People to People, konzentrierte sich auf Schweden. Karolina Skog, Vorsitzende des Nordic Textiles Network, berichtete, dass die Einführung der obligatorischen Trennung von Textilabfällen in Schweden im Januar letzten Jahres für großes Medienecho und Schlagzeilen wie „Alte Socken dürfen nicht mehr in den Hausmüll“ gesorgt habe. Dies habe zu einer landesweiten Ausmist-Welle geführt, welche die Textilsammelstellen mit riesigen Mengen minderwertiger Artikel überlastete, die niemand kaufen wollte.

Die Branche leistete Widerstand, woraufhin die Regierung ihren Gesetzentwurf anpasste und zuließ, dass beschädigte Textilien in den Restmüll gelangen durften. Laut Skog hat dies gezeigt, dass sich Regulierungen an den Marktgegebenheiten orientieren müssen. Zudem sei eine klare Kommunikation gegenüber den Bürgern erforderlich, um den Unterschied zwischen „wiederverwendbar“ und „recyclingfähig“ zu verdeutlichen. Auch die Trennung von Materialien für die Wiederverwendung und solchen für das Recycling sei wichtig: „Wenn Materialien für Wiederverwendung und Recycling vermischt werden, gehen wirtschaftliche und ökologische Werte verloren. Es kommt zu Kreuzkontaminationen, und die Sortierbedingungen werden erheblich erschwert.“

Welchen Nutzen haben Recyclingquoten?
Sandra Roos, Vice President of Sustainability bei Kappahl, schilderte die Sichtweise einer verantwortungsbewussten Modemarke. Das Unternehmen verfolgt das Ziel, bis 2040 zehn Prozent seines Umsatzes mit Second-Hand-Ware zu erzielen. Es nimmt Kleidungsstücke der eigenen Marke zurück – selbst wenn diese Flecken oder Verschmutzungen aufweisen –, bereitet sie auf und verkauft sie „wie jedes andere Kleidungsstück“. Dabei werden Verfahren wie Enzymwäsche und Ozonbleiche sowie herkömmliche 40-Grad-Wäschen geprüft. Roos bezeichnete die Annahme, die Aufbereitung sei als Geschäftsmodell kostspielig, als Mythos: „Wir erzielen fast die gleiche Marge wie die Bruttomarge. Das bedeutet gleiche Rentabilität.“ Ein wichtiger Faktor für diesen Geschäftsbereich sei die gemeinsame Entwicklung einer App gewesen, die eine schnelle Identifizierung der Rücknahmeartikel anhand der Wasch- und Nackenetiketten ermögliche. Dies habe zu Kostensenkungen geführt.

Roos hinterfragte den Nutzen von Quoten für recycelte Materialien in der Bekleidung. Solche Vorgaben würden „uns dazu zwingen, die Klimaemissionen, die Wasserknappheit und den Ressourcenverbrauch zu erhöhen“ sowie die Qualität der Kleidungsstücke zu mindern, da recycelte Fasern weniger widerstandsfähig seien und ihre Qualität mit jedem Recyclingzyklus abnehme. Trotz starkem Fokus auf Textil-zu-Textil-Recycling glaubt Roos nicht an die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieses Ansatzes, „wenn am Ende nur die Modemarken jeden beliebigen Preis dafür zahlen“. Textilabfälle könnten ihrer Meinung nach Stahlherstellern als alternative Brennstoffquelle anstelle von Kohle dienen. In diesem Fall biete die Verwendung von recyceltem Material gegenüber Neuware ökologische Vorteile, und es bestehe zudem eine entsprechende Nachfrage. Roos‘ Ansatz ist, „dass man das Verfahren wählen sollte, das den größten Umweltnutzen bei gleichzeitig geringsten Kosten bietet – und das ist selten das Textil-zu-Textil-Recycling“.

Im Dialog bleiben
Die Referenten der abschließenden Sitzung, die von Alan Wheeler, CEO der britischen Textile Recycling Association, moderiert wurde, knüpften an viele der bereits angesprochenen Themen an. Zum Podium gehörten: Hannah Parris (ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Cambridge), Helio Moreira (Leiter der Sortierabteilung bei Textile House), Ekaterina Stoyanova (Senior Policy Advisor bei Recycling Europe), Samuel Ofori-Gymapoh (Mitbegründer der in Ghana ansässigen Initiative Landfill2Landmarks) sowie Kirsi Roine (Senior Director of EU Business Operations bei Accelerating Circularity).
Um die Zusammenarbeit mit der Industrie zu veranschaulichen, arbeitet Landfill2Landmarks gemeinsam mit der ghanaischen Normungsbehörde (Ghana Standards Authority) an der Einführung eines anerkannten Standards für Textilballen. Durch den Austausch mit Händlern von Second-Hand-Kleidung wurde ermittelt, welche Waren sich gut verkaufen, um so festzulegen, welche Artikel in den Ballen akzeptiert werden sollten. Dies soll den Aufsichtsbehörden helfen, Verstöße zu erkennen und zu ahnden.

Helio Moreira äußerte aus der Sicht europäischer Sortierbetriebe die Befürchtung, dass unterschiedliche nationale Standards „zusätzliche Komplexität“ für die Sortierer mit sich bringen könnten. Samuel Ofori-Gymapoh entkräftete diese Bedenken jedoch und betonte, die Maßnahme diene dazu, „nicht regelkonforme Exporteure auszusortieren“, anstatt seriöse Sortierbetriebe zu beeinträchtigen. Zum Abschluss der Sitzung erklärte Martin Böschen, es gebe vieles, worüber man nachdenken müsse: „Insbesondere natürlich darüber, wie der Dialog mit den Regulierungsbehörden aufrechterhalten werden kann.“

(Erschienen im EU-Recycling Magazin 07/2026, Seite 10, Foto: MSV, KI-generiert)

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