Recycelte Kunststoffe sollten als „strategischer, nachhaltiger Rohstoff“ anerkannt werden, der zu einer widerstandsfähigeren Wirtschaft beiträgt – und nicht bloß als „Übergangslösung für Zeiten, in denen Neuware teuer ist“. Dies erklärte Henk Alssema, Präsident der Kunststoffsparte des Weltverbands BIR (und Vertreter des niederländischen Unternehmens Inviplast BV), vor den Delegierten bei der ersten gemeinsamen Sitzung der Kunststoffsparte und dem Ausschuss für Reifen und Kautschuk.
„Wenn Kunden recyceltes Material nur dann kaufen, wenn die Preise für Neuware hoch sind, schaffen wir eine sehr gefährliche Situation für unsere Branche“, sagte er am 3. Juni 2026 auf der BIR World Recycling Convention in Göteborg. Nach einigen schwierigen Jahren, die von niedrigen Preisen, einem Überangebot an billiger Neuware und Werksschließungen geprägt waren, hat die weltweite Kunststoffrecyclingbranche in den letzten Monaten eine Wende hin zu gestiegener Nachfrage und volleren Auftragsbüchern erlebt. Dieser Umschwung ist vor allem auf den starken Anstieg der Preise für Neuware infolge des Konflikts im Nahen Osten zurückzuführen, was wiederum die Nachfrage nach recycelten Materialien angekurbelt hat.
Nutzen oder verlieren
Recycelte Kunststoffe werden heute zunehmend als wertvoller und strategischer Bestandteil der Rohstoffversorgungsketten wahrgenommen. Sollten Abnehmer dieses Material jedoch nicht mehr verwenden, sobald sich die Märkte wieder stabilisieren, könnten sie diese Bezugsquelle verlieren – wie die Werksschließungen der vergangenen Jahre gezeigt haben.
Alssema: „Unsere Botschaft heute ist ganz einfach: nutzen oder verlieren.Wenn wir in Zukunft über ausreichende Recyclingkapazitäten verfügen wollen, brauchen wir schon heute eine stabile Nachfrage. Recyclingunternehmen benötigen langfristige Zusagen, um Investitionen in neue Anlagen, Innovationen, Qualitätssysteme und Rückverfolgbarkeit zu rechtfertigen.“ Auch politische Unterstützung sei wichtig. „Ohne verbindliche und stabile Vorgaben wird die Nachfrage nach recyceltem Material weiterhin von Ölpreisen und geopolitischen Ereignissen abhängen“, merkte er an. „Durch klare politische Rahmenbedingungen können Unternehmen voller Zuversicht investieren und für die Zukunft planen.“
Laut Max Craipeau, Vorsitzender des BIR-Ausschusses für Reifen und Kautschuk und Vertreter des in Hongkong ansässigen Unternehmens Greencore Resources, spiegelt der Aufschwung auf dem Markt für recycelten Kautschuk jenen bei recycelten Kunststoffen wider – und zwar aus denselben Gründen. Beide Branchen stehen vor ähnlichen Herausforderungen und profitieren gleichermaßen von ihrer Positionierung als Anbieter eines „strategischen“ Materials. Wenn sich Markenunternehmen ausschließlich auf Primärmaterial verließen, so Craipeau, „bekämen sie bei geopolitischen Spannungen definitiv Probleme“. Als entschiedener Befürworter von Vorschriften zu Mindestanteilen an Rezyklat betonte er, dass solche Maßnahmen notwendig seien, um die Nachfrage anzukurbeln.
Wenn Kunden ein kurzes Gedächtnis haben
Mit Blick auf Südostasien, wo Greencore Resources eine PET-Recyclinganlage in Indonesien betreibt, erklärte Craipeau, dass die Spannungen in der Straße von Hormus die üblichen Öllieferungen an den Markt – insbesondere nach Asien – um rund 20 Prozent verringert hätten. Dies sei den Sekundärrohstoffen zugutegekommen: Die Preise für Rezyklate stiegen um 15 bis 20 Prozent und erreichten wieder ein Niveau, das einen wirtschaftlich tragfähigen Betrieb ermöglichte. Craipeau gab jedoch zu bedenken, dass Kunden zwar angesichts der aktuellen Lage „zu uns kommen und um mehr Material bitten“, aber „oft ein kurzes Gedächtnis haben“. Er erinnerte daran, dass während der Covid-Pandemie viel über die Sicherung von mehr Recyclingmaterial gesprochen worden sei. Dieser „Schwung“ sei jedoch nach einigen Jahren wieder verflogen. Für Markenunternehmen sei die Versorgungssicherheit jedoch von großer Bedeutung – ein Punkt, den die aktuelle Krise im Nahen Osten unterstreiche. „Die Straße von Hormus könnte nur die Spitze des Eisbergs sein, sollte es in Zukunft beispielsweise zu einem Konflikt zwischen den USA und China kommen“, warnte Craipeau. „Markenunternehmen sollten also ihr kurzes Gedächtnis ablegen und langfristige Verträge abschließen, wenn sie ihre Produkte weiterhin in den Regalen halten wollen.“
Surendra Patawari, Vorsitzender der Gemini Corporation (Belgien), stimmte zu, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei, die aktuelle Situation zu nutzen und Käufer zum Abschluss langfristiger Verträge sowie von Absichtserklärungen (Memorandums of Understanding) zu bewegen. Er appellierte an die Branche, den Dialog mit den Kunden zu suchen und sie über die Notwendigkeit des Einsatzes von Recyclingmaterial aufzuklären. Er gab jedoch zu bedenken, dass diese stets andere Prioritäten hätten und die Ölindustrie über eine mächtige Lobby verfüge.
Maßnahmen, die Zuversicht geben
Auf die Frage von Henk Alssema, ob politische Entscheidungsträger Recyclingmaterial als strategisch einstuften, erklärte Sally Houghton, Geschäftsführerin der PET Recycling Corp. of California, Recycling diene als „Pflaster“, um der plastikfeindlichen Stimmung unter den Wählern in Kalifornien zu begegnen. In Gesprächen mit Politikern sei sie bisweilen verblüfft darüber, wie wenig diese über die Kunststoffrecyclingbranche wüssten oder verstünden.
Kalifornien hat bereits positive politische Maßnahmen eingeführt, darunter die Vorgabe, dass Flaschen bis 2030 einen Recyclinganteil von 50 Prozent aufweisen müssen – was die Nachfrage nach Rezyklat ankurbelt. Für Verpackungen gab es eine solche Regelung bisher nicht; daher hatten Verpackungshersteller Rezyklat zugunsten von günstigerem Neuplastik aufgegeben und kehren erst in jüngster Zeit wieder zu recyceltem Material zurück. Nun wurde jedoch ein Gesetz zur erweiterten Herstellerverantwortung verabschiedet, das eine hundertprozentige Recyclingfähigkeit von Verpackungen, recyclinggerechtes Design sowie eine Recyclingquote von 65 Prozent vorschreibt – Maßnahmen, die der Recyclingbranche Zuversicht geben.
Mehr Offenheit erforderlich
Mit der zunehmenden Umsetzung solcher politischen Maßnahmen dürfte auch der Bedarf an Lösungen für geschlossene Recyclingkreisläufe steigen. Gastrednerin Kristin Nilsson, CEO des schwedischen Unternehmens Reelab, erläuterte das gemeinsam mit Dagab verfolgte Cap-to-Cap-Projekt für Flaschenverschlüsse: Ziel ist die Zulassung für den Lebensmittelkontakt, womit gezeigt werden soll, dass sich der Kreislauf bei diesem Material schließen lässt. „Es wird noch einige Jahre dauern und viele Tests erfordern, aber ich bin absolut zuversichtlich: Wenn es eine Qualität und eine Materialgüte gibt, die sich am Markt durchsetzen wird, dann ist es diese“, erklärte sie. Um Kreislaufwirtschaftsziele zu erreichen, seien Zusammenarbeit und Transparenz unerlässlich, da diese Aufgaben nicht im Alleingang bewältigt werden könnten.
Kay Riksfjord, Downstream-Manager bei Revac AS in Norwegen, pflichtete ihr bei: Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft sei mehr Offenheit entlang der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich. Obwohl sein Unternehmen riesige Mengen an Altgeräten (Kühlschränken) verarbeitet, werde nach seiner Einschätzung nie nach dem Design neuer Kühlschränke gefragt; die Hersteller hielten sich hierbei sehr bedeckt. Doch wie Sally Houghton anmerkte, sind solche Verbindungen für den Fortschritt unverzichtbar: „Vielleicht nicht mehr zu meinen Lebzeiten, aber der Wandel muss dahin gehen, dass wir bei allem, was wir entwerfen – ob Schuhe, Kühlschränke, Flaschen oder Verpackungen – bereits die Phase nach der Nutzungsdauer mitdenken. Genau in diese Richtung müssen wir uns meiner Meinung nach bewegen.“
(Erschienen im EU-Recycling Magazin 08/2026, Seite 18, Foto: Andi Karg)