Sondermülldeponie Kölliken: Das Mahnmal ist verschwunden

Sieben Jahre lang war die Sondermülldeponie Kölliken in der Schweiz „geöffnet“. Und es vergingen 22 Jahre, bis mit dem Rückbau und der Sanierung begonnen wurde – enorm aufwändig und enorm kostspielig. Mehr als 600.000 Tonnen an Gefahrstoffen sind in der früheren Tongrube verfüllt und inzwischen an anderer Stelle entsorgt worden. Ab 2019 könnte die Rekultivierung des Areals erfolgen. 

In den 1970er Jahren herrschte in der Schweiz Notstand bei der Müllentsorgung. Um die Idee einer zentralen Ablagerung zur Sammlung giftiger Abfälle zu realisieren, bildete sich ein Konsortium, darin vertreten die Kantone Aargau und Zürich, die Stadt Zürich und eine Gruppe von Chemiefirmen. Die Wahl des Standortes fiel auf die ehemalige Tongrube von Kölliken. Ein geologisches Gutachten mit acht Seiten bescheinigte der Grube, „praktisch dicht“ und fürs Grundwasser ungefährlich zu sein.

Endlagerung in der Anfangszeit der Deponie

Endlagerung in der Anfangszeit der Deponie

1978 öffnete die Sondermülldeponie – Kürzel SMDK – ihre Tore und nahm auf, was angeliefert wurde: Schlacke aus Abfallverbrennungen, Armeebatterien, Säureharzen oder chemische Destillationsrückständen. Die Abfälle mussten zwar deklariert werden; doch was tatsächlich deponiert wurde, interessierte niemanden. Dennoch galt die Anlage als Pionierleistung für den Umweltschutz, schien sie doch eine Möglichkeit zu bieten, giftige Abfälle aus Industrie und Gewerbe geordnet abzulagern und illegale Entsorgung einzudämmen. Geruchs- und Staubbelästigungen, unter denen die Bevölkerung zunehmend klagte, wurden daher zunächst kleingeredet. Bis Sickerwasser aus der Deponie, dessen Werte über der Schadstoffgrenze lagen, Öffentlichkeit und Behörden nachdenklich stimmte. 1985 – die Grube war erst zu zwei Dritteln verfüllt – einigte sich der Gemeinderat von Kölliken darauf, die Deponie zu schließen. Zur Abdeckung der Folgekosten hatte das Betreiberkonsortium Rücklagen von zwei Millionen Schweizer Franken geschaffen. Zu den nachträglichen Sicherungsmaßnahmen gehörte zum einen die Installation von Rammsonden zur Sammlung von Gasen, die zwei Hochtemperatur-Öfen bei 900 Grad Celsius verbrannten. Zum anderen erhielt das abschüssige Gelände eine Abdeckung zum Schutz vor Niederschlagswasser, im nördlichen Areal eine Hangdrainage, die einlaufendes Wasser in einen Vorfluter ableitete, und im südlichen 130 vertikale Drainagebrunnen im Abstand von vier Metern, um Sickerwasser zu erfassen. Am Fuß der Drainagereihe fängt ein begehbarer Stollen das Wasser auf und leitet es zur Deponie-eigenen Kläranlage. Im Stollen werden regelmäßig Proben für Laboranalysen entnommen, um mögliche Schadstoffbelastungen zu erkennen. Unterhalb der Deponie wurden – quer zur Strömungsrichtung – 14 Pumpbrunnen als Barriere eingebaut, um verunreinigtes Grundwasser sammeln, bevor es zur Gefahr für Trinkwasser werden kann.

Vier Millionen Schweizer Franken pro Jahr

Doch diese Maßnahmen beseitigten die Ursache der Umweltbelastung nicht. Und sie waren teuer: Die Betriebskosten zur Deponiesicherung beliefen sich pro Jahr auf vier Millionen Schweizer Franken. Nach jahrelanger Unentschlossenheit einigten sich die Verantwortlichen schließlich auf eine Gesamtsanierung, also den kompletten Rückbau der Deponie. Eine schwere Aufgabe. So urteilte der Aargauer Altlastenverantwortliche Peter Kuhn: „Ein so komplexes multidisziplinäres Verfahren hatte es zuvor gar nie gegeben.“ Und der Geschäftsführer des Deponiekonsortiums Benjamin Müller erklärte: „Bisher wurde keine Sondermülldeponie mit diesen Dimensionen mitten in einem bewohnten Gebiet leergeräumt. Wir müssen hier einen vollen industriellen Betrieb aufrechterhalten.“

Im März 2005 begann der Rückbau der 250.000 Kubikmeter Sonderabfälle aus der Schweiz, Deutschland und Italien, die ohne jegliche Basisabdichtung direkt auf dem Gestein deponiert wurden, mit der Errichtung von Hallen: einer Abbauhalle (33.000 m²), einer Manipulationshalle (8.000 m²) und einer Lagerhalle (5.000 m²). Dazu wurden 200 Bohrpfähle in den Boden getrieben, um die Standsicherheit der Deponiehänge zu gewährleisten und um der Hallenkonstruktion ein Fundament zu geben. Überspannt wurden die Hallen von Stahlbögen, an denen die Hallendecken aufgehängt wurden. Indem die Dichtungsfolien mit den Wandfolien verschweißt und die Betonbodenplatten dicht an die Wände angeschlossen wurden, konnten die Hallen luftdicht gestaltet werden.

Rund 500.000 Tonnen Sonderabfälle mussten aus dem Deponiekörper entfernt werden

Rund 500.000 Tonnen Sonderabfälle mussten aus dem Deponiekörper entfernt werden

Sicherung groß geschrieben

Die Abbauhalle überdachte die 15 Meter tiefen Deponieabfälle, die mit separater Luftversorgung versehene Baumaschinen mit Spezialwerkzeugen Schicht für Schicht abtrugen. Auch die Manipulationshalle stand zunächst auf deponiertem Material, das rückgebaut, beprobt, analysiert und entsorgt werden musste. Später wurden hier die Stoffe aus der Abbauhalle untersucht und behandelt. In der Lagerhalle, die auf nicht mit Abfall verfülltem Boden stand, konnte die Abbaumenge mehrerer Tage – in Spezialcontainern verpackt – bis zum Abtransport zwischengelagert werden.

Die Sicherheitsvorkehrungen in den Abbauhallen waren groß. Das Schweizer Umweltbundesamt BAFU beschreibt, dass bei Rückbau und Probenahme Baggerführer und Chemieexperten in Fahrzeugen mit luftdichten, gepanzerten Kabinen arbeiteten. Musste sich ausnahmsweise jemand zu Fuß auf der Müllhalde bewegen, dann nur mit Schutzanzug, Schutzmaske und GPS-Sender. Von Monitoren und 14 schwenk- und zoombaren Kameras überwacht, waren ständig 50 bis 60 Personen mit Ausgraben, Analysieren und Abtransportieren des Giftmülls beschäftigt. Um das Entweichen von Luft in die Umwelt zu verhindern, herrschte in der Halle Unterdruck. „Die Filteranlage, mit welcher der Abluft alle Schadstoffe entzogen werden, ist so groß wie ein Einfamilienhaus“, verbildlicht das BAFU.

Die Probenahmen erfolgten nur mit Schutzanzug, Schutzmaske und GPS-Sender

Die Probenahmen erfolgten nur mit Schutzanzug, Schutzmaske und GPS-Sender

Rund 300.000 Proben analysiert

Insgesamt standen in Kölliken 654.700 Tonnen Abfälle zum Rückbau an, davon 104.700 Tonnen aus der Oberflächenabdeckung, rund 500.000 aus dem Deponiekörper und etwa 50.000 Tonnen aus der Deponiesohle. Die vertraglich vereinbarte Leistung von 500 Tonnen pro Tag konnte das beauftragte Unternehmen zunächst nicht erfüllen. Doch wurde die tägliche Leistung ab der zweiten Rückbauetappe im März 2011 von 250 auf durchschnittlich 450 bis 550 Tonnen pro Arbeitstag gesteigert, an Spitzentagen sogar bis zu 1.100 Tonnen.

Die größten Herausforderungen bei der Sanierung stellten das Identifizieren und Trennen der eingelagerten Giftabfälle dar. Erste Grobsortierungen wurden bereits beim Rückbau der Abfälle in der Halle vorgenommen und das Material je nach Beschaffenheit drei unterschiedlichen „Straßen“ zugewiesen. Straße 1 fasste lose, nicht kontaminierte Stoffe aus der Oberflächen-Abdeckschicht. Straße 2 erhielt loses, belastetes Material aus dem Deponiekörper. Straße 3 sammelte deponierte Gebinde wie Fässer oder Big-Bags. Die Substanzen der Straßen 1 und 2 wurden gesiebt, gehäuft und beprobt. Die Inhalte der intakten Fässer der Straße 3 wurden in Container gestellt, das Material defekter Container in ebensolche umgefüllt: Die anschließende Beprobung erfolgte direkt aus den Fässern. 2009 meldete ein SMDK-Infobulletin, dass während des Rückbaus insgesamt rund 300.000 Proben analysiert werden sollten.

Entsorgungsschienen zugeordnet

Die Ergebnisse der im Labor untersuchten Proben bestimmten die Zuordnung der Abfälle auf sogenannte Entsorgungsschienen. Die entsprechenden Abfälle wurden neu in Spezialcontainer verpackt und in der Lagerhalle zum Abtransport bereitgestellt. Zu Entsorgungsanlagen innerhalb der Schweiz erfolgte der Transport direkt mit Lkw oder per Bahn, für Transporte ins Ausland dienten ausschließlich Bahn oder Schiff. Die Verladung auf Bahnwagen konnte direkt in der Lagerhalle der SMDK erfolgen.

Die Palette an rückgebauten Abfallstoffen erforderte eine Reihe von „Entsorgungsschienen“. So standen neben Oberflächendeponien (ausschließlich für unbelastete Deponeabdeckungen) auch Untertagedeponien, Anlagen zur thermischen Bodenbehandlung, Müllverbrennungsanlagen und Einrichtungen zur Sonderabfallverbrennung zur Disposition. Zementwerke boten sich zur Verarbeitung von Materialien aus der Deponiesohle an. Rund 5.000 Tonnen an Batterien und Akkus galt es rückzubauen. Allerdings wurde die Zuteilung zu Entsorgungsschienen flexibel gehandhabt: Zum Beispiel konnte kiesiges Material, welches der Schiene „Untertagedeponie“ zugeordnet war, durch eine Bodenwäsche derart aufbereitet werden, dass der gereinigte und damit schadstofffrei gewordene Kies dem Baustoffrecycling zugeführt werden konnte.

Rund 5.000 Tonnen an Batterien galt es fachgerecht zu entsorgen

Rund 5.000 Tonnen an Batterien galt es fachgerecht zu entsorgen

Rund 8.000 Tonnen rezyklierbares Material

Die Resultate der Proben und ihrer Analysen wurden ebenso wie die Zuordnungsmengen der Materialien zu den vorgesehenen Entsorgungsschienen lückenlos dokumentiert. Die Rückbestätigung der entsprechenden Entsorgungsanlagen lieferte schließlich die Gewissheit, dass der Abfall ordnungsgemäß behandelt, aufbereitet beziehungsweise entsorgt wurde.

Bis zum 31. März 2014 transportierte SMDK insgesamt 322.730 Tonnen zum Bodenbehandlungszentrum BAZO nach Oberglatt. Direktentsorgt wurden unter anderem 37.569 Tonnen in ausländischen Sonderabfallverbrennungsanlagen, 600 Tonnen in der Müllverbrennungsanlage und 28.481 auf der Inertstoffdeponie in Buchs, 11.000 Tonnen auf der Regionaldeponie Seckenberg Frick, 94 Tonnen in der Sonderabfallverbrennungsanlage in Dottikon und 114 Tonnen bei der Chiresa AG (spezialisiert auf die Entsorgung und Behandlung von industriellen Abfällen, Chemikalienresten, PCB und Altlasten). Für Entsorgung und Recycling von Batterien (432 Tonnen) und quecksilberhaltigen Materialien (194 Tonnen) wurde die Batrec Industrie AG beauftragt. Über Recyclingquoten sind nur wenige Angaben erhältlich. Lediglich im März 2014 meldete die SMDK: „Rund 8.000 Tonnen rezyklierbares Material konnten bis jetzt wieder in den Stoffkreislauf eingebunden oder thermisch verwertet werden. Dabei handelt es sich vor allem um Stahl, Beton, Plastik sowie Akkus und Batterien.“

Spezialcontainer mit den verpackten Abfällen warten in der Lagerhalle auf den Abtransport

Spezialcontainer mit den verpackten Abfällen warten in der Lagerhalle auf den Abtransport

Alle Abfälle sind entsorgt

Im Juni 2015 konnte das SMDK-Konsortium melden: „Die Deponie ist leer – alle Abfälle sind entsorgt.“ Die zeitliche Vorgabe zur Entfernung von 95 Prozent der Schadstoffe aus der Sondermülldeponie Kölliken war erreicht: Neben 105.000 Tonnen Abdeckmaterial und 11.000 Tonnen Fels  waren 484.000 Tonnen an belasteten Sonderabfällen ausgeräumt, kontrolliert, sortiert und zu zwei Dritteln per Bahn der Entsorgung zugeführt worden. Die Bilanz: „64 Prozent stark belastetes Material sind der thermischen Bodenbehandlung oder der Hochtemperaturverbrennung nach Deutschland und Holland zugeführt worden. Die dabei anfallenden Schlacken wurden dort auf Deponien abgelagert. 36 Prozent der Abfälle konnten in der Schweiz behandelt und entsorgt werden. 96 Prozent davon waren so schwach belastet, dass sie nach einer Vorbehandlung auf Deponien im Inland abgelagert werden konnten.“

Die Demontage der Anlagen in den Abbauhallen und deren Reinigung und Entgiftung dürfte inzwischen vollzogen sein. Im Januar 2016 sollen die Untersuchungen des Felsuntergrunds der ehemaligen  Deponie beginnen: Etwa 220 Kernbohrungen von drei bis fünf Metern Tiefe werden niedergelassen, beprobt und im Labor auf Belastungen untersucht. Gestützt auf diese Resultate wird sich entscheiden, ob und wie tief der Fels abgetragen, ob er ausgewaschen oder ausgebaggert und wohin er gegebenenfalls entsorgt werden muss. Erst wenn die kantonale Aufsichtsbehörde es bewilligt, kann mit der Wiederauffüllung und Rekultivierung des ehemaligen Deponieareals begonnen werden – den Planungen zufolge voraussichtlich ab Mitte 2019.

 „Die Deponie ist leer – alle Abfälle sind entsorgt.“

„Die Deponie ist leer – alle Abfälle sind entsorgt.“

Zu einem Vorzeigeprojekt entwickelt?

Der Betrieb der Abluftanlage und der Leitwarte wird jedoch noch bis in den Herbst 2017 andauern, das aufwändige Monitoring von Grundwasser und Umwelt muss mindestens noch bis 2020 aufrechterhalten bleiben, und mit einem Abschalten der Schmutzwasser- und Abluftbehandlungsanlage (SWALBA) ist ebenfalls nicht vor 2020 zu rechnen. Und die Kosten werden weiter steigen: Bereits die Sicherungsphase von 1985 bis 2003 schlug mit 150 Millionen Schweizer Franken zu Buche. Der Kreditrahmen für den Deponierückbau beläuft sich auf 570 Millionen Schweizer Franken (CHF); die Bruttokosten betragen 711 Millionen CHF, wovon das Schweizer Bundesamt für Umwelt 184 Millionen CHF aus dem VASA-Fond für Altlasten trägt. Die Nachsorge ab 2020 wird auf 25 Millionen CHF mit einer Streuung von plus/minus 30 Prozent geschätzt.

Ende gut, alles gut? Man kann den Lauf der Geschichte so sehen wie der ehemalige Gemeindeamman des 4000-Seelen-Dorfs Kölliken, Peter Rytz: „So schlecht die Deponie
über all die Jahre für Kölliken war, so sehr hat sich der Rückbau der SMDK nun zu einem Vorzeigeprojekt entwickelt.“ Oder man kann das „verschwundene Mahnmal“ so ambivalent einschätzen wie das Schweizer Bundesamt für Umwelt: „So eine Sanierung gab es noch nie, sie ist weltweit einzigartig.“ Fakt ist, dass, wenn die Sanierungsarbeiten 2020 abgeschlossen sein sollten und Gras über die aufgefüllte Grube wächst, der Rückbau zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Schweizer Franken gekostet haben wird. Wir erinnern uns: Die Rücklagen des Betreiber-Konsortiums betrugen zwei Millionen Schweizer Franken.

Fotos: SMDK

(EUR0116S28)