Wie die Generation Y den Arbeitsmarkt herausfordert

Der Name ist Programm: Die Generation Y – aus dem Englischen „why“ – hinterfragt geltende Regelungen, beäugt feste Strukturen kritisch und verlässt eingetretene Pfade. Damit einher geht ein fulminanter Wandlungs- und Modernisierungsprozess des gesamten Arbeitsmarktes.

Alternde Bevölkerung, sinkende Geburtenrate, Fachkräftemangel: Die demografische Entwicklung wirkt sich massiv auf das Wirtschaftsleben in Deutschland aus. Unternehmen haben immer größere Schwierigkeiten, junge, gut ausgebildete Mitarbeiter zu finden. „Dies bedeutet für die Arbeitgeber, dass sie attraktiv bleiben und mit bestimmten Faktoren wie Gehalt, Arbeitszeiten, Unternehmenskultur und Arbeitsbedingungen positiv aus der Masse hervorstechen müssen, denn sonst wandern die größten Talente auf dem Markt zur Konkurrenz ab“, unterstreicht Martin Beims, geschäftsführender Gesellschafter der aretas GmbH.

Doch reicht dies wirklich aus, um anspruchsvolle junge Menschen an sich zu binden? Auch zunächst abstrakter wirkende Faktoren wie Sinngebung, gegenseitiges Vertrauen und bestimmte Werte oder Prinzipien, für die ein Unternehmen steht, spielen heutzutage eine entscheidende Rolle. Geboren zwischen den frühen 1980er- und Mitte der 1990er-Jahre, drängt die sogenannte Generation Y auf den Arbeitsmarkt und vermehrt auch in Führungspositionen. Dabei ist der Name Programm: Die Generation Y – aus dem Englischen „why“ – hinterfragt geltende Regelungen*), beäugt feste Strukturen kritisch und verlässt eingetretene Pfade. Damit einher geht ein fulminanter Wandlungs- und Modernisierungsprozess des gesamten Arbeitsmarktes.

Arbeitszeit = Lebenszeit

Unternehmen stehen nicht nur im wirtschaftlichen Wettbewerb zueinander; auch die Jagd nach jungem, qualifiziertem Personal nimmt zu. Gab es früher ein Überangebot an Bewerbern, hat sich dies heute in vielen Geschäftszweigen wie etwa der IT- und Technikbranche und der Kreativwirtschaft geändert: Nur wer den Bewerbern die besten Bedingungen bietet, hat die Chance, die vielversprechendsten zukünftigen Fachkräfte zu gewinnen. Doch was macht einen guten Arbeitgeber aus? Was lockt begabte Berufseinsteiger heute in die Unternehmen? Obwohl auch die Ypsiloner eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit verlangen, reicht ein hohes Gehalt allein nicht mehr aus, um diese anspruchsvolle Generation zu Höchstleistungen zu motivieren. Martin Beims verdeutlicht hierzu: „Weichen Faktoren wie etwa unternehmenskulturellen Aspekten kommt mehr denn je eine entscheidende Bedeutung zu. Charakteristisch ist der Wunsch, in einem intakten, von Vertrauen geprägtem Umfeld zu arbeiten, um die berufliche Tätigkeit als einen positiven Teil des Lebens begreifen zu können.“

Eine wichtige Stellung nimmt hier zum Beispiel die Gestaltung der Arbeitszeiten ein. Gerade in kreativen, denkintensiven Berufen fordern immer mehr Arbeitnehmer Flexibilität. Eine reine Neun-bis-Fünf-Uhr-Anwesenheitspflicht gilt zunehmend als unattraktiv. Angesehener und reizvoller sind volatile Modelle wie Gleitzeit oder aber die Gelegenkeit, die Arbeit adaptiv zur gewünschten Zeit zu verrichten, je nach verfügbarer Kreativität, Motivation oder vorhandenem Zeitbudget. Dies kann je nach persönlichem Lebensstil auch „nach Feierabend“, mitten in der Nacht oder am Wochenende der Fall sein und lässt sich dank Laptop, Smartphone und Internet in den meisten Fällen ohne Mehraufwand realisieren. Gerade für junge Eltern stellen derlei Optionen oft elementare Bedingungen dar, um Beruf und Familienleben miteinander vereinbaren zu können. Ein weiterer Aspekt ist die Möglichkeit, die Arbeit im Homeoffice oder mobil von unterwegs zu erledigen und an keinen festen Arbeitsplatz gebunden zu sein. „Junge Erwachsene kennen das Internet und die modernen Kommunikationsmöglichkeiten zumeist von Kindesbeinen an; deren Vorteile und Möglichkeiten fordern sie als Digital Natives für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in ihrem Sinne ein“, verrät Beims.

Gestalten statt gehorchen

Wer allerdings glaubt, allein mit mehr Freiheiten und flexibler Arbeitszeitgestaltung den Kampf um die besten Talente zu gewinnen, irrt. Denn allgemein geht es für die Millennials im Erwerbsleben um sehr viel mehr. So sehnen sich viele von ihnen nach einem tieferen Sinn, dem die ausgeübte Tätigkeit dient. Neben Gehalt, mehr Freiheiten und modernen Arbeitsstrukturen sind Unternehmen also gut beraten, diesem Verlangen gerecht zu werden. Welchen Wert liefert das Unternehmen für die Gesellschaft, welchen Beitrag kann und soll jeder einzelne Arbeitnehmer zu diesem Ergebnis leisten?

„Diese Fragen treiben viele junge Menschen um. Moderne Unternehmen sollten daher ihr eigenes Tun hinterfragen und Antworten dazu liefern. Dafür reicht es nicht, eine Vision zu entwerfen und diese der Organisation überzustülpen. Werte haben einen sehr persönlichen Bezug und können nicht allgemeingültig vorgegeben werden. Aus der Frage, was das Unternehmen eigentlich leisten möchte, gilt es daher, Prinzipien für die gemeinsame Arbeit zu entwickeln und diese statt starrer Regeln in der eigenen Kultur zu verankern“, erklärt Beims. So besteht vielfach der Wunsch nach Selbstverwirklichung, flachen Hierarchien und vor allem auch nach Entscheidungsfreiräumen. Angehörende der Generation Y begnügen sich oftmals nicht mehr damit, sich in bestehende Strukturen einzufügen: Sie wollen lieber selbst Verantwortung tragen und eigene Ideen einbringen. Voraussetzung hierfür ist – neben Werten und Prinzipien, die charakteristisch für das Unternehmen stehen – vor allem Vertrauen und eine damit einhergehende Wertschätzung, um an den unternehmerischen Entscheidungsprozessen partizipieren zu können. Die Wunschliste junger Berufstätiger besteht heutzutage also nicht mehr nur aus einem sicheren Arbeitsplatz und finanzieller Unabhängigkeit, sondern ist vor allem durch die arbeitskulturellen Bedingungen geprägt. Dank ihrer guten Verhandlungsposition auf dem Bewerbermarkt wohnt den unter 40-Jährigen ein neues Selbstbewusstsein inne, das vorherige Generationen so nicht kannten. „Die Ypsiloner sehen sich keinesfalls mehr als die dem Chef gehorchenden Befehlsempfänger von einst, sondern sie wollen mitgestalten, verkrustete Strukturen aufbrechen und ihr tägliches Handeln mit einem tieferen Sinn, mit gesellschaftlichem Mehrwert versehen“, fasst Martin Beims zusammen. Somit unterliegt der gesamte Arbeitsmarkt immensen Veränderungsprozessen – die Ansprüche von Mitarbeitern und Bewerbern steigen. Um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, sind Unternehmen daher gut beraten, sich den Anforderungen der modernen Arbeitswelt anzupassen.

www.aretas.de

*) Der Journalist und Autor Oliver Jeges sieht die Generation Y als Generation Maybe, als eine Generation ohne Eigenschaften und ohne Profil. Die Generation sei zwar gut ausgebildet, aber ohne Plan und Mut zu Entscheidungen. Sie hielte sich alle Möglichkeiten offen.

Foto: aretas GmbH

(EU-Recycling 02/2019, Seite 28)