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Industriepolitik ohne Recycling?

Die europäische Recyclingwirtschaft reagiert mit deutlicher Kritik auf den neuen Vorschlag der EU-Kommission für den Industrial Accelerator Act (IAA). Zwar begrüßt die Branche grundsätzlich das Ziel, mit sogenannten Leitmärkten die Nachfrage nach klimafreundlichen Produkten zu stärken. Doch aus Sicht der Recycler bleibt ein zentraler Hebel der industriellen Dekarbonisierung außen vor: das Recycling selbst.

Der Verband Recycling Europe warnt, dass die Initiative ihr eigenes Ziel verfehlen könnte. Recycling ermögliche bereits heute sofortige und großskalige CO₂-Einsparungen und reduziere zugleich Europas Abhängigkeit von Rohstoffimporten aus Drittstaaten. Dennoch werde die Branche im aktuellen Vorschlag nicht als strategischer Industriesektor anerkannt. Damit bleiben auch beschleunigte Genehmigungsverfahren für neue Recyclinganlagen aus – ein Instrument, das der IAA anderen Industrien zugesteht. „Industrielle Dekarbonisierung lässt sich nicht beschleunigen, ohne auch das Recycling zu beschleunigen“, betont Maria Vera Duran, Politikdirektorin des Verbands. Industrie-, Klima- und Kreislaufwirtschaftspolitik müssten enger verzahnt werden, damit die gesamte Wertschöpfungskette – einschließlich der Recyclingwirtschaft – als strategisch anerkannt werde.

Besonders widersprüchlich erscheint die aktuelle Ausgestaltung vor dem Hintergrund anderer EU-Ziele. Im Rahmen des Clean Industrial Deal hat sich die EU vorgenommen, den Anteil zirkulär genutzter Materialien in der Wirtschaft bis 2030 auf 24 Prozent zu erhöhen. Dieses Ziel wird über die sogenannte Circular Material Use Rate (CMUR) gemessen.

Um diese Marke zu erreichen, wäre ein massiver Ausbau der Recyclingkapazitäten notwendig. Genau diese industrielle Basis bleibe im IAA jedoch weitgehend unberücksichtigt, kritisiert die Branche. Stattdessen priorisiere der Vorschlag ausgewählte Sektoren, während diejenigen Industrien außen vor blieben, die sie überhaupt erst mit CO₂-armen Sekundärrohstoffen versorgen.

Nachfrage nach Rezyklaten nicht genug im Fokus
Positiv bewertet die Recyclingwirtschaft zwar, dass der IAA stärker auf Nachfrageinstrumente setzt. Öffentliche Beschaffung sowie Nachhaltigkeitskriterien könnten helfen, Märkte für klimafreundliche Produkte zu schaffen. Aber eine weitreichendere Etablierung grüner Leitmärkte auch in anderen Wirtschaftsbereichen ist unbedingt notwendig. Hier sieht die Branche erhebliche Lücken. So spiele etwa der Einsatz von recycelten Kunststoffen in der industriellen Dekarbonisierung kaum eine Rolle im Vorschlag. Viele konkrete Maßnahmen zur Kreislaufwirtschaft sollen erst im angekündigten Circular Economy Act folgen.

Auch die geplanten „Made in Europe“-Kriterien bewertet die Branche grundsätzlich positiv. Sie könnten die industrielle Basis Europas stärken – vorausgesetzt, sie werden mit klaren Anreizen für den Einsatz recycelter Materialien kombiniert. Allerdings warnen Branchenvertreter davor, dass Partner aus Freihandelsabkommen unter Umständen ebenfalls als „europäischer Ursprung“ gelten könnten und damit die Wirkung der Regelung abschwächen.

Streitpunkt „grüner Stahl“
Besondere Bedeutung hat der IAA für die Stahlindustrie. Entscheidend werde sein, wie künftig „CO₂-armer Stahl“ definiert wird. Aus Sicht der Recyclingbranche muss diese Definition ausdrücklich auch den Einsatz von Schrott und recycelten Metallen honorieren. Erleichtert zeigt man sich darüber, dass eine ursprünglich diskutierte gleitende Bewertungsmethode wieder aus dem Vorschlag gestrichen wurde. Diese hätte nach Einschätzung der Branche die Klimavorteile von Recyclingmaterialien relativiert. Was fehlt sind verbindliche Anreize, um den Einsatz von Schrott und recycelten Metallen zu erhöhen. Der bvse unterstützt diese Kritik und fordert, die Recyclingwirtschaft in der europäischen Industriepolitik deutlich stärker zu berücksichtigen. Damit die EU ihre Industrieziele erreichen könne, müssten Genehmigungsverfahren für neue Recyclinganlagen beschleunigt und Investitionen in moderne Aufbereitungsinfrastruktur erleichtert werden.

Der Industrial Accelerator Act (IAA) richtet sich in erster Linie an große Unternehmen und zielt auf die Beschleunigung ausländischer Direktinvestitionen ab. Die Förderung von Aktivitäten kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) finde dagegen kaum Beachtung, kritisiert der bvse. Der Verband spricht sich zudem für verbindliche Mindestrezyklatanteile in Produkten sowie für eine stärkere Berücksichtigung von Recyclingmaterialien in der öffentlichen Beschaffung aus. Nur auf diese Weise könnten verlässliche Märkte für Sekundärrohstoffe entstehen.

(Erschienen im EU-Recycling Magazin 04/2026, Seite 8, Foto: TSUNG-LIN WU/fotolia.com)

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