bvse-Jahrestagung 2026: Circular Economy zwischen Krise und Zuversicht
Kreislaufwirtschaft darf politisch nicht unter die Räder kommen. Die bvse-Jahrestagung 2026 am 29. und 30. September in Köln mit 370 Teilnehmenden machte deutlich: Die Recycling- und Entsorgungswirtschaft steht vor erheblichen Herausforderungen.
Mit einem sehr persönlichen Rückblick eröffnete bvse-Präsident Henry Forster seine Rede auf der Jahrestagung des Verbandes in Köln. Die Stadt verbinde er mit seinen Anfängen in der Entsorgungswirtschaft und der damaligen Aufbruchstimmung der Branche. Anfang der 1990er-Jahre habe er einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz bei Mercedes-Benz aufgegeben, um in die damals noch junge Kreislaufwirtschaft einzusteigen. Entscheidend sei für ihn dabei gewesen, einer Tätigkeit nachzugehen, die über das reine Geldverdienen hinausgehe. „Es war etwas Sinnstiftendes“, erklärte Forster. Man habe etwas für die Umwelt, die Kreislaufwirtschaft und die Sicherung von Rohstoffen tun können. Dieser Charakter der Branche sei bis heute erhalten geblieben – vom Müllwerker bis zum Geschäftsführer.
Gerade darin sieht der bvse-Präsident eine große Zukunftschance. In einer Arbeitswelt, die zunehmend durch Künstliche Intelligenz und Robotik verändert werde, könne sinnstiftende Arbeit zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden. Viele junge Menschen fragten sich heute sehr genau, welche Tätigkeiten künftig durch KI ersetzt werden könnten. Handwerkliche und praktische Berufe gewännen deshalb wieder an Attraktivität. Von dieser Entwicklung könne auch die Recycling- und Entsorgungswirtschaft profitieren.
Sorge um Stellenwert
Seinem grundsätzlichen Optimismus stellte Forster jedoch eine deutlich kritischere Bestandsaufnahme der aktuellen Lage gegenüber. Angesichts von Kriegen, wirtschaftlichen Problemen und internationalen Handelskonflikten drohten Umwelt- und Kreislaufwirtschaftspolitik aus dem Blickfeld zu geraten. Diese Entwicklung bereite ihm große Sorgen. Nach einigen Treffen auf höchster politischer Ebene habe er den Eindruck gewonnen, dass Umwelt- und Kreislaufwirtschaftsthemen auch innerhalb der Bundesregierung derzeit von anderen Krisen überlagert würden. Dabei wirkten sich die internationalen Krisen unmittelbar auf die Recyclingwirtschaft aus. Globale Warenströme und etablierte Verwertungskonzepte gerieten unter Druck. In der Folge könnten ganze Sammel- und Verwertungssysteme ins Wanken geraten, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden und denen die Bevölkerung vertrauten. Als Beispiele nannte Forster die schwierige Situation bei Alttextilien und Altglas.
Besonders eindringlich warnte der bvse-Präsident vor den Folgen von Bränden durch Lithiumbatterien. Die zunehmenden Brandereignisse in Recycling- und Entsorgungsanlagen seien längst nicht mehr nur ein technisches oder betriebliches Problem. Sollte sich die Situation weiter verschärfen, drohe Unternehmen der Verlust ihres Versicherungsschutzes. Forster warnte vor weitreichenden Folgen: „Wenn wir als Branche keine Versicherungen mehr bekommen, dann werden wir ein komplettes Marktversagen erleben.“ Dass dieses Risiko bislang vergleichsweise wenig politische Aufmerksamkeit erfahre, könne er nicht nachvollziehen. Die Situation sei ernst und könne für Unternehmen existenzbedrohend werden.
Die eigenen Strukturen stärken
Grundsätzlich kritisierte Forster den politischen Umgang mit Rohstoffen. Gerade ein rohstoffarmes Industrieland wie Deutschland müsse der Nutzung von Sekundärrohstoffen wesentlich größere Bedeutung beimessen. Deutschland wolle eine starke Industrienation und ein erfolgreicher Exportstandort bleiben, gehe aber gleichzeitig fahrlässig mit seinen Rohstoffressourcen um. Das betreffe inzwischen nicht nur Primärrohstoffe, sondern zunehmend auch die im eigenen Land gewonnenen Sekundärrohstoffe.
Forster beklagte zudem, dass sich viele Unternehmerinnen und Unternehmer der Recycling- und Entsorgungswirtschaft von Politik und Behörden alleingelassen fühlten. Genehmigungsverfahren, staatliche Strukturen und Institutionen müssten Unternehmertum ermöglichen und stärken, statt zusätzliche Hemmnisse aufzubauen. Umso wichtiger sei es, dass die Branche ihre eigenen Strukturen stärke. „Wir müssen im Verband stark sein, müssen uns helfen und müssen Resilienzen entwickeln“, appellierte Forster. Dazu gehöre auch eine wesentlich engere Zusammenarbeit mit anderen Verbänden. Angesichts wachsender wirtschaftlicher, regulatorischer und geopolitischer Unsicherheiten müsse die Recyclingwirtschaft ihre gemeinsamen Interessen stärker bündeln.
„Wir hatten schon bessere Zeiten“
Die Recycling- und Entsorgungswirtschaft steht vor erheblichen wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen. Das machte auch bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock deutlich. Besonders angespannt ist die Situation beim Kunststoff- und Textilrecycling. Gleichzeitig stehen mit der Umsetzung der europäischen Verpackungsverordnung PPWR weitreichende Veränderungen an. Trotz der schwierigen Situation vermittelte Rehbock den Mitgliedsunternehmen keine resignative Botschaft. Im Gegenteil: Der bvse werde sich weiterhin mit Nachdruck für mittelständische Recycling- und Entsorgungsunternehmen einsetzen. „Die Probleme sind mannigfaltig. Wir hatten schon bessere Zeiten. Aber der bvse und seine Mitgliedsunternehmen waren immer kämpferisch. Auch das werden wir durchstehen“, erklärte Rehbock.
Besonders kritisch bewertete der bvse-Hauptgeschäftsführer die Lage der Kunststoffrecyclingbranche: Die Unternehmen stünden wirtschaftlich stark unter Druck. Recyclingkunststoffe müssten sich auf einem Markt behaupten, auf dem Neuware und Importe die Wettbewerbsbedingungen erheblich beeinflussen. Für Recycler werde es damit zunehmend schwieriger, ihre Produkte wirtschaftlich abzusetzen. Für den bvse sei deshalb entscheidend, dass die Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen auch tatsächlich zu einer verlässlichen Nachfrage nach Rezyklaten führt. Recyclingquoten allein würden den Unternehmen nicht helfen, wenn für die gewonnenen Sekundärrohstoffe keine funktionierenden Märkte bestehen.
Auch beim Textilrecycling sieht Rehbock erheblichen Handlungsbedarf: Die wirtschaftliche Situation der Textilsammler und -verwerter sei extrem angespannt. Der bvse sei im intensiven Austausch mit dem Bundesumweltministerium und den Herstellern. Das über Jahre aufgebaute Sammelsystem dürfe nicht durch das neue Textilgesetz in Frage gestellt werden. Rehbock: „Wir setzen alles daran, um unsere Textilrecycler im Rennen zu halten.“ Aus Sicht des bvse müsse deshalb stärker darauf geachtet werden, Sammlung, Sortierung, Wiederverwendung und Recycling als zusammenhängendes System zu betrachten.
Funktionierende Marktstrukturen erhalten
Ein weiterer Schwerpunkt der Rede war die Umsetzung der europäischen Verpackungsverordnung PPWR, mit der sich insbesondere der bvse-Kreislaufwirtschaftsausschuss, aber auch der Internationale Altpapiertag intensiv auseinandersetzten. Die neuen europäischen Vorgaben werden die Verpackungswirtschaft und damit auch die Sammlung, Sortierung und Verwertung von Verpackungsabfällen erheblich verändern.
Für die mittelständische Recycling- und Entsorgungswirtschaft kommt es nach Auffassung des bvse bei allen Systemen der erweiterten Herstellerverantwortung darauf an, dass bei der nationalen Umsetzung funktionierende Marktstrukturen erhalten bleiben. Diese Systeme dürften nicht dazu führen, dass bewährte Strukturen geschwächt oder mittelständische Unternehmen aus dem Markt gedrängt werden. Dabei spiele die Vermarktung der sortierten beziehungsweise aufbereiteten Sekundärrohstoffe eine elementare Rolle, machte Rehbock deutlich. Der Verband werde die konkrete Ausgestaltung deshalb intensiv begleiten. Entscheidend sei, dass die neuen europäischen Vorgaben nicht nur formal umgesetzt werden, sondern tatsächlich zu mehr Recycling und zum Einsatz hochwertiger Sekundärrohstoffe führen.
Aktuelle Informationen aus Politik und Verwaltung gaben unter anderem Dr. Silke Karcher aus dem Bundesumweltministerium und Dr. Marc-Oliver Pahl vom NRW-Umweltministerium. Motivationsimpulse setzte der vierfache Paralympics-Goldmedaillengewinner Wojtek Czyż. In den Fachverbänden und Gremien wurde zudem intensiv über aktuelle Branchenthemen und politische Rahmenbedingungen diskutiert.
(Erschienen im EU-Recycling Magazin 11/2026, Seite 6, Foto: MSV, KI-generiert)












