IERC 2019: Mit Ressourcen verantwortungsvoll umgehen

„Wir wollen Veränderungen, aber wir wollen nichts ändern“, stellte der frühere EU-Umweltkommissar Dr. Janez Potočnik auf dem Internationalen Elektronikrecycling-Kongress in Salzburg lakonisch fest. Dagegen lautete die optimistische Botschaft des diesjährigen Branchenforums: Nicht nur darauf vertrauen, dass von der Politik Lösungen kommen, sondern selber – als Unternehmer – die Initiative ergreifen und Projekte zu einer WEEE-Kreislaufwirtschaft anstoßen und zum Erfolg führen. Verschiedene Praxisbeispiele zeigten, was alles möglich ist.

Norbert Zonneveld freute sich sehr über die Kuhglocke als Auszeichnung, die Jean Cox-Kearns überreichte (Foto: ICM AG)

Jean Cox-Kearns, Vorsitzende des Lenkungsausschusses, eröffnete den IERC 2019 mit rund 450 Teilnehmern aus 39 Ländern. Keynote Speaker der 18. Ausgabe der Veranstaltungsreihe waren Aaron Goldberg, Rechtsexperte der Basler Konvention, Steven Clayton, Regulatory Affairs Manager bei Samsung, und Dr. Janez Potočnik, Co-Vorsitzender des internationalen Ressourcengremiums der Vereinten Nationen (UNEP International Resource Panel) und ehemaliger EU-Umweltkommissar. Der IERC Honorary Award ging in diesem Jahr an den Gründer und Vorstand der European Electronics Recyclers Association (EERA), Norbert Zonneveld.

US-Anwalt Aaron Goldberg reflektierte die Arbeit der Basel Konvention seit 1989 und skizzierte die Herausforderungen, denen sich das Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung im Zuge der weiteren Entwicklung der Kreislaufwirtschaft künftig stellen muss. Goldberg hat an den EPA-Regeln für gefährliche Abfälle maßgeblich mitgewirkt und war lange Zeit als leitender Jurist für die Entflechtung der nationalen Abfallklassifizierungsregeln für gebrauchte und End-of-Life-Elektronik tätig.

Steven Clayton erläuterte das „Nachhaltigkeitsprogramm“ für die Produkte von Samsung, wobei offen blieb, ob und wie sich das „Galaxy Upcycling“-Projekt in die wirtschaftliche Praxis übertragen lässt – wenn die Smartphones des Herstellers zur Entsorgung anfallen. Clayton wich dabei der Frage eines Zuhörers aus, ob Samsung diesbezüglich mit Recyclingunternehmen zusammenarbeite. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Umweltaktivist Jim Puckett (Basel Action Network, BAN) im Publikum merkte den Vorträgen von Aaron Goldberg und Steven Clayton kritisch an, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft immer noch nicht begriffen haben, was Circular Economy ist. Die Aktivitäten der Baseler Konvention würden die Hersteller nicht in die Produktverantwortungspflicht nehmen, warf Puckett Goldberg vor. Das Problem, dass zu wenig WEEE und andere Stoffströme recycelt und wiederverwertet werden, werde nur verschoben.

Was wir uns nicht länger erlauben können

Dr. Janez Potočnik rechnete vor, dass sich der Rohstoffverbrauch angesichts des Bevölkerungswachstums weltweit bereits verachtfacht hat. 2050 werden voraussichtlich 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Werden wir immer mehr Menschen, verbrauchen wir in der Tendenz immer mehr Ressourcen. Der Klimawandel wird die Versorgungslage mit Nahrungsmitteln weiter verschärfen. Schon heute leiden über 800 Millionen Menschen auf der Erde Hunger. Und ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel wird einfach weggeworfen. Länder mit hohem Einkommen verbrauchen und verschwenden derzeit zehnmal mehr Ressourcen pro Person als Länder mit niedrigem Einkommen. Bis 2050 könnte sich der weltweite Materialeinsatz von rund 90 Milliarden Tonnen (2017) mehr als verdoppeln. Für 54 knappe und wirtschaftlich wichtige Rohstoffe hängt zum Beispiel Europa insgesamt zu 90 Prozent von Rohstoffen ab, die importiert werden.

Dr. Janez Potočnik: Kurzfristiges Denken und Handeln können wir uns nicht länger erlauben (Foto: ICM AG)

„Im 21. Jahrhundert können wir es uns nicht länger erlauben, auf der Grundlage kurzfristiger Logik und Interessen zu denken und zu handeln“, schlussfolgerte Potočnik, und appellierte an die Welt, nachhaltiger und vorausschauend zu wirtschaften und mit den irdischen Ressourcen verantwortungsvoller umzugehen. Auch dürfe Profitmaximierung nicht länger die Leitmaxime wirtschaftlichen Handelns sein. Die Konsumgüterindustrie forderte Potočnik auf, langlebigere Produkte zu produzieren, die zudem reparier- und recyclingfähig sind – Stichwort: Design for Recycling. Ohne alternative Wirtschaftsmodelle wie die Ökonomie des Teilens – Güter gemeinschaftlich nutzen, statt sie nur alleine zu besitzen – könne eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft nicht realisiert werden. Will man weiter am Wohlstand partizipieren, sei eine ökosoziale Marktwirtschaft nötig, die ökonomische und ökologische Zielsetzungen ausgleicht, den Umwelt- und Klimaschutz als politische Kategorien sowie alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette einbezieht. Mit Recycling alleine ließen sich keine für den Konsum benötigten Rohstoffe im Kreislauf halten, so die Erkenntnis.

Der Auf- und Ausbau der Circular Economy setze politischen Willen, gemeinschaftliches Handeln und nicht zuletzt die Bereitschaft der Gesellschaft für notwendige Veränderungen voraus. Und das ist für Potočnik eine entscheidende Hürde, die genommen werden muss. So liegt es in der Natur des Menschen, erst aufgrund von negativen Erfahrungen, Ereignissen und aus persönlicher Betroffenheit heraus zu lernen. „Wir wollen Veränderungen, aber wir wollen nichts ändern und scheuen uns letztendlich auch davor, weil wir nicht die Gewissheit haben können, dass Veränderungen unmittelbar Dinge zum Besseren bewenden, so wie wir uns das vorstellen“, stellte Potočnik zutreffend fest und fügte lakonisch hinzu: „Anscheinend muss immer erst was Schlimmes und Unvorhergesehenes passieren, damit wir reagieren.“ Wenn es dafür nicht schon zu spät ist.

Die optimistische Botschaft der nachfolgenden IERC-Referenten lautete dagegen: Nicht nur darauf vertrauen, dass von der Politik Lösungen kommen, sondern selber – als Unternehmer – die Initiative ergreifen und Projekte zu einer WEEE-Kreislaufwirtschaft anstoßen und zum Erfolg führen. So präsentierten die Vertreter der nordamerikanischen Sims Group, Lavergne Groupe und von HP Inc., Steve Skurnac, Jean-Luc Lavergne und Dean Miller, ein gemeinsames Rücknahme- und Recyclingsystem für Drucker und Tonerkartuschen, das sich vielversprechend entwickelt und auch in Europa und weltweit Schule machen könnte. Im Anschluss zeigten weitere Präsentationen den Status quo der Kreislaufwirtschaft in Norwegen und Dänemark. Im Mittelpunkt der Technikvorstellungen standen fortschrittliche und intelligente Sortier-, Zerkleinerungs- und Trennlösungen.

Die Kombi-Lösung von Tomra

Es ist noch nicht begriffen worden, was Circular Economy ist, merkte Jim Puckett (BAN) an (Foto ICM AG)

So informierte Tomra Sorting Recycling über die Trennung von flammgeschützten Kunststoffen aus Elektronikschrott. Vor dem Hintergrund, dass die Wiederverwendung von Kunststoffen, die bromierte Flammschutzmittel (brominated flame retardants, BFR) enthalten, gesetzlich untersagt ist, zeigte Judit Jansana, wie mithilfe der Röntgen-Technologie bis zu 98 Prozent BFR-haltige Kunststoffe aus gemischten Kunststoffabfällen separiert werden können. Mithilfe der Nahinfrarot-Technologie von Tomra können der Prozess weiter verbessert und die Kunststoffe nach Arten getrennt werden. „Da Kunststoffabfälle jetzt nicht mehr nach China verschifft, aber auch nicht einfach ignoriert werden können, herrscht seitens der Recyclingunternehmen zunehmende Nachfrage nach vorgetrennten Polymeren, die keine BFR enthalten“, erklärte Jansana. „Unsere Sortieranlagen Autosort und X-Tract erreichen einen bemerkenswert hohen Wirkungsgrad.“ Die Präsentation machte deutlich, dass in Elektro- und Elektronikgeräten der Kunststoffanteil drei bis 60 Prozent betragen kann. Davon enthalten rund 30 Prozent der Kunststoffe Flammschutzmittel. Tomra ermöglicht durch die Kombination von zwei Sortiermaschinen die Extraktion dieser Materialien aus den Kunststoffabfällen. Das ausgegebene Material enthält den Angaben nach weniger als 1.000 ppm Brom.

Der Sortierprozess beginnt mit der Sortieranlage Autosort. Mithilfe von Nahinfrarot-Spektroskopie-Technologie werden gemischte Polymere, die üblicherweise in IT- und Haushaltsgeräten zu finden sind, nach Polymerfraktionen getrennt. So entsteht beispielsweise eine PC/ABS (Polycarbonat/Acrylnitril-Butadien-Styrol)-Fraktion oder eine Fraktion aus hochschlagfestem Polystyrol (High Impact Polystyrene, HIPS). Jede dieser Fraktionen wird dann separat durch die Sortieranlage X-Tract geleitet, die mit Röntgentechnologie BFR-haltige Polymere von Polymeren, die keine bromierten Flammschutzmittel enthalten, trennen kann. Dies ist möglich, da flammhemmende Elemente höhere Atomdichten aufweisen, die mehr Energie absorbieren. Die eingesetzte Technologie arbeitet unabhängig von der Farbe oder der Art der eingespeisten Kunststoffe, sodass schwarze Kunststoffe Tomra zufolge kein Problem darstellen.

Das Ergebnis dieses zweistufigen Prozesses ist die Entfernung von 98 Prozent BFR-haltiger Kunststoffe aus gemischten Kunststoffabfällen bei minimaler Einbuße an guten Kunststoffen, wie es heißt. Als alternatives Verfahren zur Reduzierung des Bromgehalts kann der Prozess direkt mit einem Durchgang durch die X-Tract beginnen, um Material zu erhalten, das weniger als 1000 ppm Brom enthält. Die BFR-freie Mischung kann dann den weiteren Prozess zur Trennung der Polymere durchlaufen.

Auch ein Thema: Die neuen ADR-Regeln

Aaron Goldberg hat an den EPA-Regeln für gefährliche Abfälle maßgeblich mitgewirkt (Foto: ICM AG)

Die diesjährigen Länderberichte zeigten den Entwicklungsstand der Produzentenverantwortung in Südafrika und welche Möglichkeiten es für die Elektroschrottverwertung künftig in Indien gibt. Ein weiterer Vortrag auf dem IERC konzentrierte sich auf die neue Abfallverwertungsanlage für Elektro(nik)altgeräte in Hongkong. In diesem Zusammenhang diskutierten Experten auch die Auswirkungen und Möglichkeiten von Chinas Schrottimportbeschränkungen.

Darüber hinaus beschäftigten den Kongress in Salzburg die mögliche Verschärfung der Schwellenwerte für Kunststoffe in Elektronikgeräten, die das Flammschutzmittel Decabromdiphenylether (DecaBDE) enthalten, die Auswirkungen der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) auf die Elektroschrottindustrie und die Umsetzung von „WEEE Open Scope“. Schließlich stießen die Informationen zu den neuen ADR-Regeln für den Transport von Lithiumbatterien auf großes Interesse.

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(EU-Recycling 03/2019, Seite 6)

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