„Potenziale der Kreislaufwirtschaft für den Klimaschutz erschließen“

Am gleichen Tag, als das Bundeskabinett am 9. Oktober den Entwurf eines Klimaschutzgesetzes beschloss, hatte der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e. V. zu einem Pressegespräch in das „Haus der Kreislaufwirtschaft“ in Berlin geladen.

In einer gemeinsamen Pressekonferenz erläuterten Prof. Dr. Martin Faulstich (Direktor des INZIN Institut für die Zukunft der Industriegesellschaft und ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung), Otto Heinz (Präsident des VBS Verband der Bayerischen Entsorgungsunternehmen e.V.), Ralf Schulte (Leiter des Fachbereiches Naturschutz und Umweltpolitik sowie Mitglied der Geschäftsleitung des NABU Naturschutzbund Deutschland e. V.), Michael Wiener (CEO der Duales System Holding GmbH & Co. KG) und Peter Kurth (Präsident des BDE), warum sie das von der Bundesregierung beschlossene Maßnahmenpaket zum Klimaschutz für unzureichend halten.

Sie beanstanden insbesondere, dass der gesamte Bereich Recycling und Kreislaufwirtschaft im vorgelegten Klimapaket keinerlei Erwähnung findet. Die erheblichen Potenziale, die in einem nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen – gebrauchen statt verbrauchen – liegen, würden damit völlig verkannt, so ihre einhellige Meinung. Sie erwarten, „dass Bundestag und Bundesrat die Versäumnisse der Bundesregierung im weiteren Verfahren korrigieren“. Konkret fordern sie eine Mindestquote für den Einsatz von Rezyklaten von mindestens 15 Prozent. Einer solchen Quote entgegenstehende Regeln seien zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

„Eine nachhaltige Industriegesellschaft ist nur möglich, wenn sämtliche Potenziale der Kreislaufwirtschaft zur Minderung von Treibhausgasemissionen offensiv genutzt werden. Die Wissenschaft hat mit Förderung der Ministerien und der Wirtschaft leistungsfähige Recyclingtechnologien entwickelt, die jetzt ausgebaut werden können“, unterstrich Prof. Dr. Martin Faulstich. Dazu müsse die Recyclingfähigkeit von Produkten bereits im Rahmen der Produktzulassung verbindlich festgelegt werden. Ein realistischer Erfolgsmaßstab sei dabei eine stetig steigende Substitutionsquote, die zeige, welche Mengen an Primärrohstoffen wirklich durch Recyclingrohstoffe ersetzt werden.

Laut Otto Heinz ist Kreislaufwirtschaft mehr als gute Entsorgung durch eine Infrastruktur der Getrenntsammlung und anschließenden Aufbereitung. „Um Rohstoffe bestmöglich wieder in den Kreislauf zurückzuführen, muss auch die Nachfrage nach Rezyklaten gefördert und stabilisiert werden“, sagte der VBS-Präsident und Unternehmer. Auf diese Weise gelinge die Einsparung von Millionen Tonnen CO2; gleichzeitig würden auch Investitionen für besseres Recycling angestoßen.

Für Ralf Schulte vom NABU steht die Ökologie im Vordergrund. „Wir müssen die globale Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen und die Ökosysteme stabilisieren; dazu müssen wir die Artenvielfalt erhalten und die Treibhausgasemissionen radikal senken.“ Um den Energiebedarf mit naturverträglichen erneuerbaren Energien decken zu können, sei es erforderlich, deutlich sparsamer mit Energie und Rohstoffen umzugehen. „Suffizienz, Effizienz und Kreislaufwirtschaft sind dabei Teil der Lösung. Das Potenzial geschlossener Materialkreisläufe für den Klima- und Ressourcenschutz muss endlich ausgeschöpft werden.“

Michael Wiener fordert unter anderem eine Einsatzquote für Recyclingkunststoffe. „Mit der Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe gehen wir zwei zentrale Herausforderungen unserer Zeit an: den Klimawandel und die globale Plastikkrise“, sagte der Geschäftsführer der Duales System Holding. „Wenn es gelingen würde, den derzeitigen Rezyklateinsatz von durchschnittlich 15 Prozent aller verwendeten Rohstoffe auf 30 Prozent zu verdoppeln, so würde das eine zusätzliche Einsparung von 60 Millionen Tonnen CO2 ermöglichen.“ Lediglich sechs Prozent aller verwendeten Kunststoffe seien Rezyklate. „Dabei ist hier das Klimaschutzpotenzial besonders hoch: Wird Recyclingkunststoff statt Neuware eingesetzt, so spart das etwa 50 Prozent der Treibhausgasemissionen.“

BDE-Präsident Peter Kurth betont, dass „die letzten echten Weichenstellungen für die Kreislaufwirtschaft“ – das Deponierungsverbot für unbehandelte Siedlungsabfälle und die Einführung der Herstellerverantwortung – vor mehr als einem Vierteljahrhundert realisiert wurden. „Seitdem läuft die Politik auf den eingetretenen Pfaden weiter. Ein mutiger Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft ist jetzt überfällig und unverzichtbar, wenn wir Wirtschaftsstandort bleiben und ambitionierte Klimaziele erreichen wollen.“

-Brigitte Weber-

(EU-Recycling 11/2019, Seite 10, Foto: Rob D / Pixabay)

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