bvse-Textilstudie 2026: Mehr Alttextilien, weniger Qualität – Branche am Kipp-Punkt
Deutschland sammelt so viele Alttextilien wie nie zuvor, doch der wirtschaftliche und ökologische Wert sinkt. Das zeigt die neue bvse-Textilstudie 2026 zu Bedarf, Konsum, Wiederverwendung, Recycling und Verwertung von Textilien.
„Die Branche steht heute an einem anderen Punkt als vor fünf Jahren“, erklärt Marwin Gedenk, Vorsitzender des bvse-Fachverbands Textilrecycling. Zwischen 2018 und 2023 stieg das Sammelaufkommen um 50.000 Tonnen auf 1,3 Millionen Tonnen. Doch der Anstieg spiegelt vor allem höheren Konsum und kürzere Nutzungszyklen wider. Gleichzeitig verschlechtert sich die Qualität, hat die Textilstudie ermittelt: Der Anteil an Fremd- und Störstoffen stieg von 10,8 Prozent (2018) auf 15 bis 20 Prozent (2026). Bis zu 20 Prozent der Sammelware müssen bereits an der Sammelstelle aussortiert und kostenpflichtig entsorgt werden.
Was steckt im Altkleidercontainer?
Eine Sortieranalyse von 780 Kilogramm Sammelware ergab: 45,3 Prozent Bekleidung, 7,7 Prozent Heimtextilien, 13,7 Prozent Schuhe, 20,5 Prozent textiler Müll/Restmüll, 11,1 Prozent Recyclingmaterial und 1,4 Prozent Verpackungen. 62,6 Prozent der einlagigen Kleidungsstücke enthielten nichttextile Bestandteile wie Reißverschlüsse oder Knöpfe, die das Textil-zu-Textil-Recycling erschweren.
Die Studie macht deutlich: Recyclingfähigkeit muss bereits bei der Herstellung sichergestellt werden. Schwer trennbare Materialien und nichttextile Bestandteile behindern die spätere Aufbereitung. Der bvse fordert daher, dass Hersteller vor dem Inverkehrbringen nachweisen, dass Textilien unter realen Bedingungen recyclingfähig sind.
Aus Wertstoffsystem wird Entsorgungsaufgabe
Die Verwertungswege haben sich den Studienerkenntnissen nach verschoben: die Wiederverwendung von 62 Prozent (2018) auf 44 Prozent (2023), das Recycling von 26 auf 35 Prozent und die thermische Verwertung von zwölf auf 21 Prozent. „Nicht einmal mehr jedes zweite Alttextil kann einem weiteren Nutzungszyklus zugeführt werden“, gibt Gedenk zu bedenken. „Die thermische Verwertung hat sich in fünf Jahren fast verdoppelt – ein Warnsignal für die Kreislaufwirtschaft.“
Früher finanzierten Erlöse aus Second-Hand-Ware einen Großteil der Sammlung und Sortierung. Heute steigen die Kosten für Personal, Energie, Transport und Entsorgung, während die Qualität der Sammelware sinkt. „Aus einem überwiegend erlösfinanzierten Wertstoffsystem wird zunehmend eine kostenpflichtige Entsorgungsaufgabe“, ordnet Gedenk ein. „Genau deshalb sprechen wir von einem Kipp-Punkt. Dieser betrifft nicht nur einzelne Unternehmen. Er gefährdet die gesamte Infrastruktur der Alttextilsammlung und -sortierung.“
EPR als entscheidender Hebel
Die Erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) soll die Kreislaufwirtschaft stärken. Der bvse fordert:
- 30 Prozent Textil-zu-Textil-Rezyklat verbindlich einsetzen, um einen verlässlichen Absatzmarkt zu schaffen.
- Recyclingfähigkeit vor dem Inverkehrbringen nachweisen – der Digitale Produktpass muss relevante Produktmerkmale abbilden.
- Zweistufige Sortierung als Zukunftsmodell: Manuelle Qualitätssortierung für Wiederverwendung, automatisierte Materialtrennung für nicht wiederverwendbare Textilien.
Ohne Rezyklateinsatzquote fehle die Nachfrage, ohne Nachweis der Recyclingfähigkeit geeignete Produkte. Die EPR müsse praxistauglich gestaltet werden und den Ausbau des Textilrecyclings vorantreiben. „Die Branche investiert bereits heute in Sammlung, Sortierung und Recycling. Doch sie kann die Folgekosten kurzlebiger, schlecht recyclingfähiger Produkte nicht allein tragen. Dafür braucht es jetzt die richtigen politischen Rahmenbedingungen“, meint Marwin Gedenk abschließend.
Quelle: bvse
(Erschienen im EU-Recycling Magazin 10/2026, Seite 22, Foto: FWS)











