Coronavirus: Die Recyclingbranche wehrt sich nach Kräften

Die medizinischen Auswirkungen der Corona-Epidemie lassen sich immer noch nicht absehen. Und auch welche Schäden und Verwerfungen sie in einem Wirtschaftszweig wie dem Recyclingsektor zur Folge hat, bleibt eine Frage. Wie hat die Branche bislang darauf reagiert?

Eine Welle von Absagen
Die ersten deutlichen Auswirkungen zeigten sich in einer Reihe von Kongress-Absagen. Zwar konnte am 3. und 4. März noch die Berliner Recycling- und Sekundärrohstoff-Konferenz als eine der letzten Tagungen stattfinden. Doch am 9. März meldete der Schweizer Tagungsveranstalter ICM die Verlegung des 20. Internationalen Automobilrecycling-Kongresses auf Anfang September 2020. Das markiert den Beginn einer Reihe von Kongressen und Messen – darunter die IFAT 2020 und die World Recycling Convention des Bureau of International Recycling –, die mehr oder weniger optimistisch auf spätere Termine verschoben wurden.

Trotz Ausnahmesituation
Einige Organisationen veröffentlichten zunächst Informationen und Tipps über Verhaltensweisen zum Kampf gegen den Coronavirus. Die Hilfsorganisation WasteAid instruierte ihre Partner, alle Aktivitäten wie Treffen, Benutzung öffentlicher Transportmittel oder Abfallbehandlung einzustellen. Der bvse vermittelte seinen Mitgliedern in einem Rundschreiben nützliche Erstinformationen und „Erste-Hilfe-Seiten“ zu rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen rund um Corona. Das Rücknahmesystem take-e-way publizierte mit freundlicher Genehmigung vom Bundesverband Technik des Einzelhandels eine Checkliste, um Klarheit darüber zu schaffen, welche unternehmerischen Tätigkeiten aktuell gestattet sind und in welcher Form diese ausgeübt werden dürfen.

FEFCO, der europäische Verband der Wellpappen-Hersteller, versicherte der Öffentlichkeit ebenso wie seinen Kunden und Partnern, dass die Wellpappen-Industrie in der Lage ist, ausreichend Transportverpackungen für Pharmazie, Lebensmittel und Getränke sowie medizinische Ausrüstungen zu produzieren. Der Fachverband Textilrecycling räumte zwar stellenweise Fahrerausfälle aufgrund von Quarantäneregelungen ein, sah darin jedoch „Ausnahmefälle“. Sein Verbands-Vorsitzender Martin Wittmann betonte: „Die Sammelstrukturen funktionieren nach wie vor stabil.“ Und die Verbände der Speditions-, Transport- und Logistikwirtschaft – AMÖ, BGL, BIEK, DSLV und BWVL – bekräftigten, dass die Unternehmen und Beschäftigten der Branche „auch in dieser Ausnahmesituation die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft auf dem gewohnt hohen Niveau zuverlässig sicherstellen werden“.

Nur unter bestimmten Voraussetzungen
Allerdings wurde beispielsweise der Transportbranche recht schnell deutlich, dass diese Versicherung nur unter bestimmten Voraussetzungen eingehalten werden kann. So postulierte der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung schon am 17. März in einem mehrseitigen „Forderungskatalog zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa“, dass im Logistiksektor unbürokratische Hilfsmaßnahmen unverzüglich erforderlich seien. Dazu zählten unter anderem die Einrichtung von Notfallzentren, eine flexible Anpassung von Arbeitszeiten, uneingeschränkter Grenzübertritt für Lkw-Fahrer und Liquiditätshilfen für betroffene Unternehmen. In ähnlicher Weise trat die Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen an die Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerien heran. Die BDSV bat die für den Ländervollzug zuständigen Behörden, sich für eine unbürokratische, temporäre Ausnahmeregelung zur Erhöhung der Lagerkapazitäten einzusetzen, damit Annahmestopps vermieden werden können. Beispielsweise sei der Handel mit Italien – einer der wichtigsten Abnehmer von Stahlschrott – durch die Corona-Krise beinahe zum Erliegen gekommen. Darüber hinaus hätten Umsatzeinbußen durch die Beeinträchtigung des Handels zu Liquiditätsengpässen geführt, die für viele Unternehmen schnell existenzbedrohend werden könnten. Hier seien weitere – durchaus befristete – unbürokratische wirtschaftliche Hilfen notwendig.

Einstufung als systemrelevant
Forderungen nach Unterstützung stellte auch der BDE. Am 16. März hielt er in einer Pressemitteilung unter anderem die bundesweite Einstufung der Entsorgungswirtschaft als „systemrelevante Infrastruktur“, eine bestmögliche Flexibilität bei Arbeitszeitregelungen, einen beleglosen Leistungsaustausch, die unbürokratische Ermöglichung von Kurzarbeit, die Aufstockung von Lagerkapazitäten und die – weiterhin vertraglich gesicherte – grenzüberschreitende Verbringung von Wertstoffen für „unverzichtbar“. Und insistierte zwei Tage später – in einem gemeinsam mit der ver.di verfassten Schreiben an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil – noch einmal darauf, die Systemrelevanz der privaten wie öffentlich-rechtlichen Unternehmen in der Entsorgungswirtschaft bundesweit einheitlich festzulegen: „Die gesamte Branche muss auch in diesen Krisenzeiten die reibungslose Abfallentsorgung sicherstellen, um Seuchengefahren zu vermeiden. Funktionierende Entsorgungsstrukturen sind mehr denn je lebensnotwendig.“

Zwei Tage danach machte der Verband wiederholt deutlich, dass es das System der Getrennthaltung von Wertstoffen ohne Einschränkungen aufrechtzuerhalten gelte, um aus Altglas und Altpapier Rohstoffe für die produzierende Industrie zu liefern, ohne dass die Produktionskette reißt. „Salopp gesagt, stellen wir mit der Papiersammlung auch die Produktion des derzeit so begehrten Klopapiers sicher“, betonte BDE-Präsident Peter Kurth.

Foto: Reinhard Weikert / abfallbild.de

Einstufung als systemrelevant gefordert
Was die Einstufung der Entsorgungsbranche als kritischer Infrastruktur anlangt, hakte die BDSV Anfang April nach: Da für die produzierende Industrie und für die Bürger eine jederzeit funktionierende Entsorgung existenziell sei und die bislang unterschiedliche Verwaltungspraxis der Länder in den vergangenen Wochen sich dabei als nicht zielführend erwiesen habe, möge das Bundesinnenministerium die bereits anvisierte, bundesweite Ausweitung der Sektoren- und Brancheneinteilung der kritischen Infrastrukturen „in Bezug auf die Entsorgung zügig vornehmen“.

Systemrelevanz war auch Thema eines Schreibens, das eine Woche später BDSV, BDE, VDM und bvse an Bundesumweltministerin Svenja Schulze richteten. Darin wiesen die vier Verbände zusätzlich darauf hin, dass die flexible Aufstockung von Lagerkapazitäten ebenso unabdingbar wie die Aufrechterhaltung der Getrennsammlung von Hausabfällen sei. „Gerade bei Glas und Papier sind die Einsatzquoten der gesammelten Wertstoffe so hoch, dass ohne eine permanente Belieferung mit Recyclingrohstoffen die Produktion neuer Waren zum Erliegen käme“, stellte BDE-Präsident Peter Kurth klar. Und bvse-Präsident Bernhard Reiling sah die Recyclingwirtschaft während und nach der Corona-Krise in einer Schlüsselrolle: „Die Produktionsketten dürfen nicht reißen und spätestens nach dem ‚Exit‘ wird die Industrie viele Rohstoffe benötigen.“

Entsorgungsstrukturen intakt halten
Die Einsicht, wie es tatsächlich um die Entsorgungsstrukturen stand, wurde den Unternehmen der Recyclingbranche von Tag zu Tag deutlicher. Schon am 18. März meldete die Wirtschaftsvereinigung Metalle, dass sich die konjunkturelle Lage der Nichteisen-Metallindustrie eintrübt. Eine aktuelle Mitglieder-Umfrage hatte ergeben, dass Covid-19 gut die Hälfte der Unternehmen negativ betrifft und etwa zwei Drittel der befragten Unternehmen in naher Zukunft Lieferengpässe erwarten. Für den Produktabsatz rechnen knapp die Hälfte der Befragten mit negativen Auswirkungen und etwa jeder Zehnte mittelfristig mit einem geringeren Absatz. Am 23. März musste bvse-Geschäftsführer Thomas Braun einen Rückgang der inländischen Papier-Sammelmenge feststellen, verursacht durch Schließung von kommunalen Wertstoffhöfen, Lkw-Rückstaus an den Grenzen oder die angeschlagene Personaldecke bei Logistikdienstleistern. Nur durch konsequente und regelmäßige Altpapier-Sammlungen auf privater und kommunaler Ebene seien ernste Konsequenzen in der Lieferkette zu vermeiden.

Am selben Tag machte bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock deutlich, dass die Corona-Krise enorme Auswirkungen auf die Entsorgungswirtschaft hat – ja vielmehr die Branche „mit voller Wucht treffen werde“. Die Mitgliedsbetriebe des bvse würden bisher alles unternehmen, um die Entsorgungsstrukturen für Abfälle privater Haushalte intakt zu halten. Aber auch, um die Versorgung von Industrieunternehmen mit Sekundärrohstoffen wie Papier, Stahl oder Glas und der Zementindustrie und verschiedener Kraftwerke mit Ersatzbrennstoffen sicherzustellen. Dabei müsse die Branche nicht erst seit der Corona-Epidemie gegen einen Mangel an Lkw-Fahrern ankämpfen, und auch die nur begrenzte Aufhebung des Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw in einigen Bundesländern müsste dringend nachgebessert werden. Die vorgesehene Stundung von fälligen Steuerzahlungen, aber auch direkte Liquiditätshilfen seien erforderlich, „um den Unternehmen zu helfen, die aufgrund unterbrochener Lieferketten von heute auf morgen mit leeren Händen dastehen werden“.

Keine Schließung von Wertstoffhöfen
Kopfzerbrechen bereitet dem bvse auch der Trend, eine Vielzahl von kommunalen Wertstoffhöfen derzeit zu schließen oder nur eingeschränkt zu öffnen. Auch wenn dies im Einzelfall verständlich sei, könne man die in manchen Teilen Deutschlands fast flächendeckenden Schließungen nicht nachvollziehen. Dadurch werde teilweise sogar die Abfallentsorgung der privaten Haushalte eingeschränkt und würde außerdem die Wertstoff-Rückführungen verzögert. Es sei gesetzlicher Auftrag der öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger, die Entsorgung sicherzustellen. Rehbock: „Es könne nicht angehen, dass die kommunale Seite gewerbliche Sammlungen in Schönwetter-Zeiten be- und verhindert, um sich dann, wenn es schwieriger wird, aus der Verantwortung zu ziehen.“ Hingegen betont der bvse-Fachverband Schrott, E-Schrott und Kfz-Recycling, dass die Annahmestellen der privaten Elektrorecyclingunternehmen und der Schrottwirtschaft soweit möglich geöffnet bleiben, um die Entsorgungsstrukturen aufrecht zu erhalten.

Diverse gezielte Maßnahmen ergreifen
In diesem Zusammenhang wies auch EuRIC, der Europäische Dachverband der Recyclingindustrien, in einem Statement auf die strategische sowie kritische Position der Branche hin, die durch Lieferung von Rohstoffen die Funktionsfähigkeit verschiedener nachgelagerter europäischer Industrien aufrecht erhalte. Die EU-Kommission möge sie daher in die Liste strategischer beziehungsweise kritischer Sektoren aufnehmen. Darüber hinaus sollten diverse gezielte Maßnahmen ergriffen werden: Die Nachfrage nach Sekundärrohstoffen verlange die unbedingte Sicherung der Grenzüberschreitung von – als Abfall oder Produkt klassifizierten – Recyclingmaterialien.

Angesichts der Schließung von Produktionsstätten, wie beispielsweise der italienischen Stahlindustrie, und der damit verbundenen sinkenden Nachfrage wäre es wünschenswert, dass die zuständigen Behörden eine Steigerung der normalerweise zugelassenen Lagerkapazitäten zulassen. Und da eine Reihe von Recyclingunternehmen mit erheblichen ökonomischen sowie Lizensierungs-Problemen und mit Liquiditäts-Engpässen zu kämpfen hat, sollte der Sektor staatliche Beihilfe bekommen oder auch durch Aktionen wie unter anderem zeitweisen Steuerbefreiungen entlastet werden.

Exporte erleichtert
Mittlerweile ist die EU-Kommission nach eigener Darstellung im Gespräch mit den Mitgliedstaaten, um sicherzustellen, dass grenzüberschreitende Transporte ohne Verzögerungen an ihre Ziele kommen und insbesondere Abfallverbringungen über „grüne Korridore“ die Grenzen überschreiten dürfen. Die Kommission hat dazu am 31. März Leitlinien für eine gemeinsame Vorgehensweise bei der Abfallverbringung herausgegeben. An Behörden der Mitgliedstaaten, Wirtschaftsakteure und einschlägige Interessenträger gerichtet, soll die Richtschnur bei der Verbringung von Abfällen Hindernisse soweit möglich auszuräumen oder reduzieren. Konkret soll die Umsetzung solcher „green lanes“ für Frachtfahrzeuge an Grenzübergängen gewährleisten, „dass alle Überprüfungen und Gesundheitskontrollen nicht länger als 15 Minuten dauern“. Deutsche Exporteure wird es zudem freuen, dass ab sofort Exportgeschäfte zu kurzfristigen Zahlungsbedingungen (bis 24 Monate) auch innerhalb der EU und in bestimmten OECD-Ländern mit staatlichen Exportkreditgarantien des Bundes abgesichert werden können. Damit sollen mögliche Engpässe im privaten Exportkreditversicherungsmarkt aufgefangen werden.

Preise für Primärkunststoffe gesunken
Die generellen Befürchtungen der europäischen Recyclingbranche sind durchaus begründet, wie Mark Victory, Redaktionsleiter bei ICIS, einem Dienstleister für Marktanalysen, vermerkt. Seinen Quellen zufolge sorgt man sich um begrenzte Volumina in den Sammelsystemen, logistische Versorgungsausfälle, potenzielle Nachfrageverluste im Nicht-Verpackungs-Sektor, Käufer, die nachhaltige Maßnahmen vermissen lassen, und eine Verminderung von notwendigen langfristigen Investitionen. Bis Mitte März hätten die Bedenken der Recyclingindustrie nur dem Einfluss der Preise für Primärstoffe und individuellen Kundenbeziehungen in Ländern wie Italien gegolten. Die starken Auswirkungen der Corona-Krise auf die Ölindustrie behinderten zwar die globalen Versorgungsketten, aber gleichzeitig stürzten die Rohölpreise angesichts des Preiskriegs zwischen Saudi Arabien und Russland, was dann wieder an den Preisen im Markt für Primärkunststoffe in Europa zu spüren war.

Auch der ifo-Index zu Produktionserwartungen der deutschen Industrie und damit der potenziellen Abnehmer von Sekundärrohstoffen ließ im März wenig Optimismus aufkommen. Zwar betrafen die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Chemiebranche und die Hersteller elektronischer Ausrüstungen vergleichsweise wenig. Hingegen fiel der Index in der Autoindustrie um 32 Punkte, in der Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren um rund 29 Punkte und im Maschinenbau um 14 Punkte. Metallerzeugung und -bearbeitung sowie Fahrzeugbau büßten minus 37 Punkte ein, Herstellern von Textilien mussten minus 24 Punkte Verlust quittieren, Bekleidungsproduzenten erlebten ein Minus von 22 Punkten, und die Herstellung von Metallerzeugnissen sank um 20 Punkte.

Die Krise macht sich bemerkbar
Detailliertere Meldungen zeigen, dass die Recyclingbranche mit Schwierigkeiten rechnen muss. Wie beispielsweise der Materialtechnologie- und Recyclingkonzern Umicore. Anstatt in diesem Jahr durchzustarten, muss das Unternehmen jetzt die Produktion von Fahrzeug-Katalysatoren und seine Aktivitäten zu Batteriematerialien in Asien herunterfahren – aufgrund stillgelegter Fertigungsstraßen in der Automobilindustrie. Mittlerweile klagen die Kunststoffrecycler über die Konkurrenz durch Produkte aus Primärstoffen, die durch den niedrigen Ölpreis billiger auf den Markt kommen: „Für solche Rezyklate werde es immer schwieriger, mit billiger Neuware zu konkurrieren“, wird Grüner Punkt-Geschäftsführer Jörg Deppmeyer zitiert. In der deutschen Altpapierbranche zeigt sich trotz des hohen jährlichen Altpapierüberschusses in der EU ein Rückgang der inländischen Sammelmenge, wozu auch die Schließung von kommunalen Wertstoffhöfen beiträgt. Die Mitglieder des bvse-Fachverbandsvorstand Textilrecycling schlagen sogar Alarm, weil sich die wirtschaftliche Ausgangssituation für Alttextilunternehmen täglich weiter zuspitzt: Immer mehr Sortieranlagen würden geschlossen oder Kurzarbeit einführen und ebenso Sammelstellen nicht mehr bedient. Und auch der Absatz leide aufgrund der Schließung von Secondhand-Läden selbst in Osteuropa und mangels Nachfrage auf den afrikanischen Märkten.

Ähnliches wird aus der Steiermark gemeldet: Dort ist die Verarbeitung der anfallenden Altkleidermengen derzeit nicht möglich und die Lagerkapazitäten sind ausgereizt, weshalb die Bevölkerung gebeten wird, Altkleider zuhause zwischenzulagern. Ohnehin müssten nach Darstellung von Rechtsanwalt Linus Viezens (GGSC – Partnerschaft von Rechtsanwälten) eventuell gewerbliche Sammlungen kurz- bis mittelfristig aufgrund nachlassender Nachfrage und fallender Preise für Wertstoffe wie Textilien und Papier/Pappe/Karton Fraktionen eingestellt beziehungsweise den öffentlich-rechtlichen Entsorgern überlassen werden.

Unsicherheit und Sorge
Eine aktuelle Umfrage des Markt- und Meinungsforschers YouGov unter Unternehmensentscheidern in Deutschland zeigt für Ende März, dass vor allem die Unsicherheit und Sorge unter den Mitarbeitern sehr verbreitet ist. 60 Prozent der Befragten geben an, dass dies in ihrem Unternehmen der Fall ist. 47 Prozent der befragten Unternehmen verzeichnen durch die Corona-Krise bereits Umsatzeinbußen, und bei 25 Prozent kam es zu unterbrochenen Lieferketten. Darüber hinaus sind arbeiten mit 45 Prozent rund die Hälfte der Mitarbeiter im Home-Office.

Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft zufolge ist 2020 beim Hausmüll eine Mengensteigerung von 2,26 Millionen Tonnen beziehungsweise um 5,06 Prozent zu erwarten. Beim Gewerbeabfall wird ein Mengenrückgang veranschlagt, der zwischen 4,24 und 6,08 Millionen Tonnen liegt. Berücksichtigt man die Mengenverteilung der beiden Abfallströme, so liegt der absolute Mengenrückgang durch die Coronakrise zwischen 1,98 und 3,82 Millionen Tonnen. Das Fazit der DGAW: „Wenn diese Mengenunsicherheit in Anlagenkapazitäten umgerechnet wird, hat das gravierende Auswirkungen bei den betroffenen Betrieben.“

Foto: Marc Weigert

Die Margen werden sich verändern
Nach Einschätzung von Mark Victory beginnt jetzt ein Wandel. Der Markt für recycelte Polyethylene Terephthalate (R-PET) verändere sich, da weniger Wasserflaschen gekauft und zusätzlich auch weniger zurückgebracht werden. Selbst in Deutschland mit seinem Pfandsystem für PET-Flaschen blieben die Folgen von sozialer Distanz und Selbstisolation auf den Markt abzuwarten. Auch im Bereich der recycelten Polyethylene (R-PE) und Polypropylene (R-PP) werde ein Materialrückgang nicht ausgeschlossen, der sich mit einigen Wochen Verzögerung bemerkbar machen könnte. Im Automobilsektor sei die Nachfrage nach recycelten Polyolefinen (R-PO) bereits stark zurückgegangen und werde sich angesichts von Schließungen im Fahrzeugbau weiter abschwächen. Der Bausektor könnte unter dem nächsten wirtschaftlichen Abschwung leiden.

Demgegenüber dürfte die Nachfrage bevorzugt nach Kunststoffverpackungen für Lebensmittel, Reinigungsmittel und Hygieneprodukte anziehen. Allerdings könnte die Pandemie auch kurzfristig den Schwerpunkt von nachhaltigen Produkten auf solche aus Primärmaterial verschieben: „Wenn in der gegenwärtigen Situation kein recyceltes Polyethylen mit geringer Dichte (R-LDPE) verfügbar ist, wird einfach LDPE verwendet“, formulierte ein Verpackungshersteller. Darüber hinaus bestehen Bedenken, dass, falls die Epidemie Fahrt aufnehmen sollte, kleineren Recyclern die Geldmittel dauerhaft ausgehen und sie handlungsunfähig werden.

Was den Logistik-Sektor anlangt, steht dieser angesichts etlicher geschlossener Grenzen und eingeschränkter Bewegungsfreiheit von Gütern und Menschen vor einer Herausforderung; dies betrifft sowohl die Zufuhr von Rohmaterial wie die Auslieferung fertiger Produkte. Einige Unternehmen haben damit begonnen, Vorräte anzulegen: „Wir kaufen große Mengen aus Frankreich, den Niederlanden und Italien, und wenn die Grenzen völlig geschlossen sind, gibt es ein großes Problem. Wie sollen wir an unser Material kommen? 50 Prozent unserer Produkte gehen von Deutschland aus nach ganz Europa, und unsere Kunden fragen uns, ob wir in der Lage sind, das Material zu liefern, das sie brauchen, wenn wir die Produktion drosseln müssen“, erklärte ein großer europäischer Recycler. Und ein französischer Abfallsammler und -Aufbereiter gab zu bedenken: „Wir haben Aufträge, aber keine neuen Aufträge für die nächsten Wochen. Es gibt eine große Verwirrung.“ Ebensolchen Unsicherheiten unterliegen auch langfristige Investitionsentscheidungen, insbesondere bei kleinen Start-Ups im Recyclingsektor und bei lokalen Behörden, die die Abfallsammlung zu gewährleisten haben.

Über viele Jahre hinweg spüren
Mark Victorys Fazit: Die ökonomischen Nebenwirkungen der weltweiten Rezession des Jahres 2008 beispielsweise führten mehr als eine Dekade lang zu Einsparungen bei den lokalen Behörden und zu Unterinvestitionen im Sammlungssektor. Bei dem Grad, der für Maßnahmen des „sozialen Abstandshaltens“ zur Eindämmung der Pandemie notwendig ist, erscheint eine globale Rezession zunehmend wahrscheinlicher. Vorerst geht die Mehrheit der europä­ischen Recyclingindustrie ihren Geschäften wie üblich nach – aber die Konsequenzen werden über viele Jahre hinweg zu spüren sein.

(EU-Recycling 05/2020, Seite 12, Foto: Sirawit Hengthabthim / Dreamstime.com)