Wohin steuern die Rohstoffmärkte im zweiten Halbjahr 2020?

Die globalen Wirtschaftsaktivitäten leben zwar wieder auf, doch herrscht große Unsicherheit, die sich auch auf die Rohstoffmärkte auswirken dürfte. Denn eine zweite Covid-19-Pandemiewelle ist nicht auszuschließen.

Am 6. Juli veranstaltete die IKB Deutsche Industriebank AG das Webinar „Rohstoffmärkte: Talsohle durchschritten? Wohin steuern die Rohstoffmärkte im zweiten Halbjahr 2020?“ Die Experten Dr. Heinz-Jürgen Büchner (IKB Managing Director, Industrials & Automotive) und Dennis Rauen (IKB Corporate Finance Analyst, Industrial & Automotive) informierten über die aktuelle Entwicklung und Trends und beleuchteten die konjunkturellen Auswirkungen der Corona-Krise auf die wichtigsten Industrierohstoffe.

Die Prognosen der IKB gehen davon aus, dass Europa keinen zweiten Shutdown bekommt. Von den führenden Wirtschaftsnationen wird allein für die Volksrepublik China noch ein kleiner Anstieg des Bruttoinlandsproduktes gesehen. Der starke Anstieg der Neuinfektionen mit Covid-19 in den USA erhöht dort das Risiko eines erheblich kräftigeren Rückgangs der Wirtschaftsleistung. Innerhalb der Europäischen Union fällt der Einbruch in Italien, Spanien und Frankreich im Vergleich zu Deutschland gravierender aus. Die Erholung in Europa im Jahr 2021 wird bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU ohne Abkommen voraussichtlich schwächer ausfallen.

Aufholeffekte in der Automobilindustrie erwartet
Nach starkem Wachstum zwischen 2013 und 2017 sank die globale Automobilproduktion in den Jahren 2018 und 2019 wieder – unter anderem aufgrund von Handelskriegen, dem Brexit und auch der Einführung des neuen Prüfverfahrens WLTP (Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure). Das Jahr 2020 ist von der Corona-Krise geprägt; die IKB rechnet nur noch mit einer Produktion von gut 68 Millionen Light Vehicles, was einen globalen Einbruch von über 22 Prozent bedeutet. Europa und Nordamerika sind den Angaben nach am stärksten betroffen; in China dagegen gibt es seit April wieder positive Absatzmeldungen. Für das Jahr 2021 werden große Aufholeffekte erwartet. Es wird mit einem Anstieg auf circa 80 Millionen Light Vehicles gerechnet.

Kräftiger Einbruch in der Maschinenbauproduktion
Die Nachfrage nach Maschinenbauprodukten dürfte weltweit erst im Verlauf des Jahres 2021 weiter anziehen. Die Maschinenbauproduktion in Deutschland wird in diesem Jahr einen kräftigen Einbruch von 20 Prozent erleiden. Die IKB geht davon aus, dass sich die Umsätze in China – nach dem Rückgang im laufenden Jahr – als erstes erholen. Belastet wird die Maschinenbauproduktion primär von der geringeren Nachfrage der Automobilindustrie sowie den geopolitischen Auseinandersetzungen, inklusive der Handelskriege. Das Einbrechen der Exporte auch vieler anderer Abnehmerbranchen und das deutliche Absinken der Kapazitätsauslastung bremst nicht nur in Deutschland die Investitionsbereitschaft in neue Maschinen und Anlagen.

Bauwirtschaft: 2019 wuchs die gesamte Bauleistung in Europa um 2,9 Prozent, vor allem getrieben durch Neubauprojekte. Für 2020 prognostiziert die IKB einen deutlichen Wachstumsrückgang aufgrund der sich abschwächenden Konjunktur. Trotz der signifikanten Rückgänge des Wachstums im Jahr 2020 aufgrund der Corona-Pandemie wird mit einer Erholung der Branche in den Jahren 2021 und 2022 gerechnet. Die Wachstumsraten werden jedoch geringer ausfallen als vor der Pandemie. Das Wachstum im Wohnungsbau und im gewerblichen Bau soll dieses Jahr in Westeuropa voraussichtlich um circa zwölf Prozent zurückgehen, aber in den nächsten zwei Jahren wieder um circa drei bis sechs Prozent pro Jahr ansteigen.

Schrottpreise dürften wieder anziehen
Die Weltrohstahlproduktion brach infolge von Produktionsunterbrechungen bis Ende Mai 2020 um fünf Prozent ein; China legte jedoch um plus 1,9 Prozent zu. Für 2020 sieht die IKB einen Rückgang von insgesamt gut drei Prozent. Besonders ausgeprägt dürfte der Rückgang in Südeuropa ausfallen. Für Deutschland wird eine Tonnage von deutlich unter 40 Millionen Tonnen erwartet. Die Eisenerzpreise haben in den letzten drei Monaten wieder angezogen und bewegen sich um 100 US-Dollar je Tonne. Dagegen gaben zuletzt die Schrottpreise leicht nach. Die IKB sieht vorerst stabile Erzpreise. Die Schrottpreise dürften nach der Sommerpause wieder anziehen. Erwartet wird bis Ende August ein weiterer leichter Rückgang der Stahlpreise.

Legierungsmetalle: Nachdem der Nickelverbrauch mit 2,47 Millionen Tonnen 2019 einen neuen Rekord erzielte, wird für 2020 ein Rückgang auf 2,4 Millionen Tonnen erwartet. Die Lagerbestände an der LME haben sich bei 234.000 Tonnen Anfang Juli 2020 stabilisiert. 28.000 Tonnen befinden sich an der SHFE. Die IKB sieht den Nickelpreis bis zum Ende des dritten Quartals 2020 in einem Band von plus/minus 2.500 US-Dollar um 12.500 US-Dollar pro Tonne. Gegen Ende 2019 gerieten die Preise für Ferrochrom infolge von Kapazitätserhöhungen in China unter Druck. 2020 dürften Kapazitätsreduktionen durchgeführt werden. Die IKB sieht den Ferrochrompreis weiterhin um die 7,00 US-Dollar je Kilogramm Reinchromgehalt. In diesem Jahr wird ein Rückgang der Ferromolybdänproduktion erfolgen. Die IKB geht von einem Produktionsvolumen von etwa 240.000 Tonnen aus und prognostiziert vorerst bis zum Ende des dritten Quartals 2020 den Preis für Ferromolybdän bei rund 20 US-Dollar je Kilogramm.

Rostfreier Stahl: 2019 stieg die Produktion von rostfreiem Edelstahl auf 52,2 Millionen Tonnen. Dies war jedoch allein auf den Zuwachs in China zurückzuführen: Die Volksrepublik hält einen Anteil von 56 Prozent an der Produktion. Weltweit dürfte 2020 ein Abschmelzen der Produktion auf rund 51,5 Millionen Tonnen erfolgen. China wird jedoch seine dominierende Position ausbauen, glaubt die IKB, und rund 29 Millionen Tonnen rostfreien Edelstahl produzieren. Mitte Juni 2020 brachen die Basispreise für rostfreien Stahl kräftig ein. Gleichzeitig stagnierten die Legierungszuschläge für die 43er Güten, während die 44er Sorten um circa zwei Prozent günstiger wurden. Damit haben sich die Margen weiter verengt, stellt die IKB fest. Bis Ende September 2020 wird jedoch bei beiden Grundsorten eine Belebung der Basispreise auf das Niveau von Mai 2020 erwartet.

Aluminium wird wieder stärker nachgefragt werden
Bis Ende Mai 2020 stieg die Primäraluminiumproduktion um 1,4 Prozent. Bei den Lagerbeständen erfolgte im Juni an der LME ein Anstieg auf 1,64 Millionen Tonnen, während sie an der SHFE auf 0,24 Millionen Tonnen sanken. Somit gleichen sich diese gegenläufigen Entwicklungen weitgehend aus. Die investive Nachfrage brach um gut ein Drittel auf den niedrigsten Wert Ende 2019 ein. Die Primäraluminiumpreise erholten sich im Juni etwas, die Preise für Aluminium Alloy tendierten seitwärts. Bis zum Ende des dritten Quartals 2020 wird eine Preisbewegung für Primäraluminium um die Marke von rund 1.650 US-Dollar je Tonne in einem Band von plus/minus 200 US-Dollar je Tonne erwartet. Der Preis für die Aluminium Alloy liegt bis zu 400 US-Dollar darunter. Gegen Jahresende 2020 sieht die IKB höhere Notierungen und eine stärkere Nachfrage nach Aluminium aus der Automobilindustrie. „Der Trend zum Leichtbau wird auch durch Corona nicht gebrochen werden“, kommentierte Dr. Heinz-Jürgen Büchner. Gleiches gilt für die Nachfrage aus dem Maschinenbau: Auch dort wird man auf Leichtbauprodukte setzen.

Kupfer: Der Tiefpunkt der Nachfrage dürfte erreicht sein
Während die Kupferminenproduktion leicht zulegte (+ 0,5 Prozent), stagnierte die Raffinadeproduktion bis zum Ende des ersten Quartals 2020. Da der Verbrauch um – 2,5 Prozent sank, wies der Markt ein Überangebot auf. Im Verlauf des Jahres 2020 erwartet die IKB jedoch einen anziehenden Bedarf. Der Tiefpunkt der Nachfrage dürfte im Mai erreicht worden sein. Im Gesamtjahr 2020 wird der Markt aber ein leichtes Defizit ausweisen, so die Prognose. Aktuell sinken die Lagerbestände an der Börse in Shanghai kräftig. Diejenigen an der LME sind leicht rückläufig. Die investive Nachfrage zog kräftig an. Die Anzahl der Handelskontrakte stieg um gut die Hälfte. Bis Ende September wird eine Bewegung um die Marke von 6.000 US-Dollar pro Tonne in einem Band von 750 US-Dollar erwartet.

Gold: Der positive Preisdruck bleibt bestehen
Der Goldpreis legte seit Beginn des Jahres um mehr als 35 Prozent zu und startete eine beindruckende Rallye. Derzeit notiert der Goldpreis nicht mehr weit entfernt von seinem Allzeithoch bei rund 1.900 US-Dollar. Hauptantreiber ist vor allem die investive Nachfrage in Form von ETFs*: Im April und Mai kam es hier zu Zuschüssen in Höhe von 10,2 Prozent. Die Nachfrage aus der Industrie (- 8 Prozent in Q1 2020) und aus dem Segment Schmuck fiel dagegen deutlich (- 39 Prozent in Q1 2020). Aus Sicht der IKB bleibt der positive Preisdruck in der zweiten Jahreshälfte bestehen, wenn auch etwas verhaltener. Die Entwicklung der Covid-19-Pandemie wirkt weiterhin als der Taktgeber für den Goldpreis.

Silber: Rückläufiger Bedarf
Die Nachfrage nach Silber wird zu 52 Prozent von der Industrie und zu 20 Prozent von der Schmuckbranche bestimmt. Bereits im vergangenen Jahr war die Nachfrage in beiden Segmenten rückläufig. Insgesamt stieg die Silbernachfrage (+ 0,4 Prozent) nur aufgrund deutlicher Zuwächse bei der investiven Nachfrage (+ 12 Prozent). Konjunkturbedingt wird sowohl der industrielle Bedarf als auch die Nachfrage aus der Schmuckbranche rückläufig sein. Einziger Lichtblick in der Industrie bleibt mittelfristig der Bedarf im Bereich Photovoltaik. Die investive Nachfrage wird auch aufgrund der derzeitigen Unsicherheiten weiter anziehen.

Platin und Palladium: Volatile Bewegung
Die Preise für Platin und Palladium sind im Zuge der aktuellen Krise stark eingebrochen, konnten sich inzwischen aber wieder erholen. Neben der allgemeinen Panik auf den Kapital- und Rohstoffmärkten sorgte vor allem die trübe Aussicht auf die industrielle Nachfrage für Preisrückgänge. Die Automobilindustrie ist Hauptabnehmer und leidet gleichzeitig massiv unter der derzeitigen Krise. Der deutliche Abschwung in der Industrie und insbesondere in der Automobilindustrie wird die Nachfrage nach Platin und Palladium bestimmen. Eine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau erwartet die IKB in der Automobilindustrie nicht vor 2022. Dementsprechend ist in der zweiten Jahreshälfte eine volatile Bewegung um das derzeitige Preisniveau zu erwarten.

Rohölpreis erholt sich
Für 2020 rechnet man im Jahresdurchschnitt mit einem um rund zehn Prozent absinkenden Rohölbedarf auf nur noch 90,6 mbd (million barrel per day). Der Rückgang betrifft alle wichtigen Regionen inklusive China. Da Nicht-OPEC-Länder jedoch ihre Förderung nur um 3,2 mbd absenken, reduziert die OPEC ihren Rohölausstoß auf lediglich 28,8 mbd. Davon entfallen 5,2 mbd auf NGL (Natural Gas Liquids)-Sorten. Ein Großteil der notwendigen Kürzungen ist bereits umgesetzt worden. Damit gelang es, den Rohölpreis deutlich anzuheben. Allerdings hat die OPEC momentan auch kein Interesse an einer zu starken Erholung. Die IKB sieht den Rohölpreis bis Ende September 2020 in einem Band von plus/minus 8 US-Dollar um die Marke von 43 US-Dollar je Barrel Brent.

Weltweit ist derzeit die Versorgung mit Erdgas auf einem sehr hohen Niveau. In den USA bewegen sich die aktuellen Lagerbestände um rund 30 Prozent über dem Vorjahresniveau und auch deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Demzufolge ist der amerikanische Referenzpreis Henry Hub mit zuletzt 1, 76 US-Dollar je Million Btu (British thermal unit) auf sehr niedrigem Niveau. Die deutsche Erdgasförderung lag bis Ende April gut 13 Prozent unter dem schon niedrigen Vorjahreswert. Steigende Importe überkompensierten den Rückgang. Infolge der teilweisen Ölpreisbindung ist der Gaspreis im April um mehr als 700 Euro gefallen. Im Zuge der wieder festeren Rohölnotierungen sollte es jedoch zu einem leichten Anstieg des Grenzübergangspreises für Erdgas kommen.

Kunststoffpreise vor Trendwende
Die anziehenden Rohölnotierungen führten im Verlauf des Juni 2020 zu anziehenden Naphthapreisen, wurden aber noch nicht auf die Vorprodukte durchgereicht. Insgesamt hat das hohe Angebot hier die Weitergabe behindert. Die IKB erwartet allerdings im Verlauf des Sommers bei weiter festeren Rohölnotierungen steigende Preise für die Intermediären Produkte. Im Juni wurden die im Vergleich zum Vormonat höheren Kontraktpreise der Vorprodukte an die Polymerpreise (zumindest teilweise) weitergegeben. Bei PET belastete das gestörte Veranstaltungsgeschäft den Flaschenabsatz. Die IKB sieht eine Belebung der Polymerpreise bis zum Ende des dritten Quartals 2020.

*) Ein ETF (engl. Exchange Traded Fund) ist ein börsengehandelter Indexfonds, der die Wertentwicklung eines Index, wie beispielsweise des DAX, abbildet. Im Kern vereinen ETFs die Vorteile von Aktien und Fonds in einem Produkt.

(EU-Recycling 08/2020, Seite 40, Foto: Gerd Altmann / Pixabay)

 

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