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28. Internationaler Altkunststofftag: Wie der Markt wieder in Schwung gebracht werden könnte

Dass die Unternehmen der Kunststoffrecyclingbranche im Krisenmodus sind, wurde beim 28. Internationalen Altkunststofftag des bvse in Bad Neuenahr mehr als deutlich. Rund 270 Teilnehmer aus zehn europäischen Ländern waren an die Ahr gereist, um zu erfahren, wie sich die wirtschaftliche Lage verbessern lässt. Ein Patentrezept gibt es jedoch nicht.

Laut Prof. Dr. Henning Wilts, Abteilungsleiter Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal Institut, können die Rahmenbedingungen optimiert werden. Die 2024 verabschiedete Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie definiere das Ziel einer ständigen Steigerung der Rezyklatanteile bei Kunststoffen, um im Jahr 2045 eine umfassende Kreislaufwirtschaft zu erreichen, erläuterte er. Hinzu kämen im Bereich der Kunststoffe die schrittweise Erhöhung der Rezyklatmenge aus Verbraucherabfällen, die nach dem Plan von steigenden Sortier- und Recyclingkapazitäten begleitet werden. Auch bei der Kunststoffproduktion soll der Rezyklatanteil steigen. Allerdings beträgt der Anteil recycelter Materialien in Deutschland derzeit noch nicht einmal 20 Prozent, obwohl mit hierzulande entwickelten fortschrittlichen Recyclingtechnologien ein deutlich höherer Anteil möglich wäre. In diesem Zusammenhang stellte der Redner fest, dass China in Bezug auf Forschung und Innovation massiv aufholt.

In Anbetracht des seit Jahren anhaltenden und für die Zukunft prognostizierten Preisverfalls für Primär- und Sekundärkunststoffe hält er einen funktionsfähigen Markt für hochwertige Kunststoffe als strategische indus­triepolitische Investition für notwendig. Mit der ab 12. August dieses Jahres geltenden EU-Verpackungsverordnung (PPWR: Packaging and Packaging Waste Regulation) werde in Europa versucht, die Vorreiterrolle in diesem Markt zu sichern. Ziel ist es, die Menge an Verpackungsabfällen in Europa zu reduzieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass alle Verpackungen dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft folgen. Das umfasst sowohl die Vermeidung überflüssiger Verpackungen als auch die Verbesserung von Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit. Für Kunststoffe bedeutet dies, dass die Verwendung von Rezyklaten steigen und die Nutzung von Primärkunststoffen sinken soll, um für diesen Bereich die Weichen in Richtung Klimaneutralität bis 2050 zu stellen.

Nach Angaben der Recyclingbranche sind in den vergangenen Jahren jedoch Recyclingkapazitäten im Umfang von etwa einer Million Tonnen verloren gegangen. In seiner Einschätzung einer drohenden Materiallücke aufgrund von geforderten Rezyklatquoten ging der Abteilungsleiter Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal Institut von der Annahme aus, dass die Höhe eines möglichen Defizits von einer Vielzahl externer Faktoren abhängig sein wird. Er nannte unter anderem die Exportstruktur, Vorlaufzeiten für neue Anlagen, Mindest-Rezyklatquoten in anderen Sektoren wie auch die Skalierung des chemischen Recyclings. Mit Blick auf die für 2028 vorgesehene Evaluation hält Wilts die aktuelle Diskussion um fehlende Rezyklatmengen für teilweise berechtigt, zumal durch etliche parallele Regulierungsprozesse eine hohe Marktunsicherheit entstehen könnte. Die bereits erwähnte aktuelle Marktentwicklung vergrößere das Risiko eines Materialdefizits.

Öffentliche Beschaffung stärker als Hebel nutzen
Als „lebenserhaltende“ Maßnahmen für den Markt schlägt der Experte für Kreislaufwirtschaft vor, ausreichende Mengen einzelner Kunststoffe für den Einsatz innovativer Recyclingtechnik durch Normung und ökonomische Anreize zu schaffen. Gleichzeitig sollte seiner Ansicht nach aber auch die Vielfalt der verwendeten Kunststoffsorten reduziert und der Einsatz von Druckfarben und Additiven begrenzt werden. Weil die Kosten für eine erhöhte Verwendung von Rezyklaten für Unternehmen sehr unterschiedlich ausfallen können, schlägt Henning Wilts einen Handel mit überschüssigen Rezyklatanteilen vor, durch den sich Einsparpotenziale erreichen ließen. Er denkt dabei an Konzepte einer Ansparphase (Verteilung über die Zeit) oder eines Rezyklatehandels (Verteilung zwischen Akteuren) nach dem Vorbild des Emission Trading Systems. Die Vor- und Nachteile solcher möglichen Systeme seien jedoch abhängig von der konkreten Umsetzung, konstatierte der Redner, und nannte als Beispiele Vorgaben zur Herkunft des jeweiligen Rezyklats sowie zur Verwendung in Produkten mit Mindestrecyclingfähigkeit. Als Anreiz für einen tragfähigen Rezyklatmarkt schlägt der Fachmann zudem vor, die öffentliche Beschaffung stärker als Hebel zu nutzen, um Recyclingtechnologien für Kunststoffe auszuweiten. Parallel hierzu hält er eine deutliche Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren für notwendig. Außerdem ist er der Ansicht, dass eine Transformation zur Kreislaufführung von Kunststoffen die gezielte Förderung neuer Geschäftsmodelle erfordert, beispielsweise „Product as a Service“, die stärker auf die Nutzung abzielen als auf die Maximierung von Produktion und Absatz.

Des Weiteren sprach er sich für die Entwicklung globaler Standards für die erweiterte Herstellerverantwortung aus. Das geplante UN-Abkommen zur Beendigung der Umweltverschmutzung müsse faire Wettbewerbsbedingungen für Rezyklate schaffen, unter anderem durch weltweit harmonisierte EPR-Systeme und Kunststoffabgaben, wie in der Ausarbeitung „Optionen für einen funktionsfähigen Markt für Kunststoffrezyklate“ im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefordert.

Für die Maßnahmen werde eine klare Mission gebraucht, so Henning Wilts; ein gesteigerter Rezyklateinsatz definiere noch keine Umsetzungsschritte.

bvse.de

(Erschienen im EU-Recycling Magazin 08/2026, Seite 16 -von Brigitte Weber-, Foto: bvse)

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