Schrottmarktbericht: Verworren

Der Schrottbedarf im Berichtsmonat Mai war je nach Verbraucher sehr unterschiedlich. Während die Stahlwerke im Osten Deutschlands wegen ihrer guten Auslastung Schrott suchten und ihre Einkaufspreise je nach Verbraucher und Sorte um 7,50 bis 10 Euro pro Tonne erhöhten, war die Zukaufmenge im Norden schwach.

Im Nordwesten konnte der Handel in einem kurzen Zeitfenster im April bei einem Verbraucher je nach Ausgangspreisniveau 10 bis 15 Euro pro Tonne mehr erzielen, während ein anderer erst Bedarf signalisierte, dann aber wieder Abstand von Zukäufen nahm. Ein Verbraucher im Westen mit einem geringen Bedarf passte sich mit bis zu 15 Euro an das Marktniveau an, während bei den anderen der Zukaufbedarf übersichtlich bis verschwindend gering blieb, weil Produk­tionskürzungen vorgenommen wurden. An der Saar erfolgte die Beschaffung geringer Mengen je nach Abnehmer und Sorte zu reduzierten, unveränderten oder um 10 Euro pro Tonne höheren Preisen gegenüber dem Vormonat. Bis zu 10 Euro pro Tonne mehr konnten auch im Südwesten und Süden Deutschlands erzielt werden; allerdings lag der Bedarf bei einem Verbraucher wegen vorgezogener Instandhaltungsarbeiten nur bei rund 50 Prozent gegenüber dem Vormonat. Ab Juni wird der Bedarf voraussichtlich wieder normal sein. Auffällig war, dass einige Verbraucher sporadisch kauften oder im laufenden Monat die Einkaufspreise änderten, während je nach Lieferant unterschiedliche Preise vereinbart wurden. Die euphorische Markteinschätzung am Monatsanfang wich schnell einer gewissen Ernüchterung, da der Schrottmarkt wegen der teilweise schlechten Auslastung einiger Verbraucher doch flächendeckend nicht so stabil war, wie erhofft. Generell waren die Elektrostahlwerke besser beschäftigt als die integrierten Werke, die einen beängstigend geringen Zukaufbedarf vom Handel hatten. Gesucht blieben wie schon im Vormonat Späne und andere Neuschrotte, die aber mangels der entsprechenden Industrieproduktion kaum zu beschaffen waren. Insgesamt traf eine schwache Nachfrage auf ein reduziertes Angebot. Das Sammelschrottaufkommen scheint sich allerdings schneller zu erholen als die Schrottnachfrage.

Nachbarländer
In Italien war nach dem strengen Shutdown die Stimmung bei der am 4. Mai 2020 wieder möglichen Produktionsaufnahme sehr positiv. Es wurde Schrott sowohl im In- als auch im Ausland nachgefragt, und im Schnitt hoben die Werke die Preise für Material aus Deutschland um 10 bis 15 Euro pro Tonne an. Nachdem die Altbestellungen abgearbeitet waren und neue Aufträge weitgehend ausblieben, nahm die nachgefragte Menge schnell ab; für den kommenden Monat sind Preisreduzierungen im Gespräch. Das inländische Schrottangebot war spärlich, obwohl einige inländische Händler Lagermengen anbieten konnten. Um Liquidität zu generieren, haben italienische und spanische Werke begonnen, ihren Betonstahl zu sehr günstigen Konditionen – beispielsweise in Deutschland – anzubieten, was die bisherigen Absatzmöglichkeiten der deutschen Hersteller einschränken könnte.

Während die Preisverhandlungen in Deutschland teilweise recht zäh waren, schlossen die österreichischen Werke schnell ihre Bücher. Bei einer der Wirtschaftslage angepassten Nachfrage stiegen die Preise je nach Verbraucher und Sorte von 5 bis 10 Euro pro Tonne. Noch am Monatsanfang schien der Bedarf in der Schweiz gut zu sein: Letztendlich kaufte nur ein Verbraucher nennenswerte Mengen und erhöhte seine Einkaufspreise von 5 bis 10 Euro pro Tonne für ausländische Anbieter. Der Verbraucher in Luxemburg kommunizierte einen Bedarf von lediglich 25 Prozent der sonst üblichen Monatsmenge und überraschte mit einer Preisvorstellung, die weit unter dem Marktniveau lagen. Letztendlich konnte er aber Preisreduzierungen gegenüber dem Vormonat je nach Sorte von 5 bis 10 Euro pro Tonne durchsetzen. Wie schon im Vormonat, wurde auf die Erfüllung von Altverträgen Wert gelegt. In Frankreich blieben die Preise nach längeren Verhandlungen gegenüber dem Vormonat unverändert. Je nach Abnehmer verharrten in Tschechien die Preise auf dem Vormonatsniveau oder sie sanken wegen eines reduzierten Bedarfs je nach Sorte von 3 bis 6 Euro pro Tonne. Da die in Deutschland, Österreich und offensichtlich in Polen gezahlten Einkaufspreise attraktiver waren, berichteten unterschiedliche Quellen von einer verstärkten Lieferbereitschaft tschechischer Händler in diese Zielländer. Anfang Mai waren die Schrottverbraucher im Vereinigten Königreich davon ausgegangen, zu unveränderten Preisen einkaufen zu können. Obwohl die Werke versuchten, ihre Abschlüsse in eine der Nachfragepausen der türkischen Käufer zu legen, mussten sie letztendlich wegen des geringen Schrottaufkommens die Preise um rund 22 Euro pro Tonne anheben. Je nach vereinbartem Preisniveau im Vormonat passten die Gießereien ihre Preise um 11 bis 22 Euro pro Tonne an. Händler bezeichneten die Nachfrage als gut; allerdings mangelt es auch auf der Insel an Neuschrott, insbesondere aus dem Bereich der Automobilindustrie. Da die Industrieproduktion erst jetzt sehr langsam wieder anläuft, treten genau wie im übrigen Europa oder den USA Engpässe bei den Neuschrotten auf.

Deutschland, Basisjahr 2015 = 100, Quelle: Statistisches Bundesamt/Destatis (Alle Angaben/Zahlen ohne Gewähr)

Gießereien
Im April hatten sich die Marktteilnehmer recht positiv über die Auslastung bei einigen Gießereien geäußert. Dieser Eindruck ist im Mai verflogen. Häufig folgten den abgearbeiteten Altaufträgen keine Neuaufträge, da diese vor allem aus der Automobilindustrie ausblieben. Der Handel musste auf kurzfristige Materialabrufe reagieren und mit Auftragsverschiebungen klar kommen, wobei erste Gießereien ins Straucheln geraten sind. Nicht wenige der überwiegend mittelständischen Eisen- und Stahlgießereien reagieren mit einer deutlichen Reduzierung der Gießtage und haben die Feiertage im Mai für tageweise Stillstände genutzt, was in dieser Form im Juni fortgesetzt werden soll. Die wenigen an keinen Preisindex gebundenen Gießereien haben die Schrotteinkaufspreise um bis zu 10 Euro pro Tonne angehoben. Der Preis für Gießerei-Roheisen ist nach wie vor fest und wird unterstützt vom weltweit deutlich angestiegenen Erzpreis und dem fester werdenden chinesischen Stahlmarkt. Da die Chinesen außerdem große Mengen Roheisen aus den GUS-Ländern importierten, konnten die erhofften Preissenkungen nicht realisiert werden.

Tiefseeexport
Das Einkaufsverhalten der türkischen Schrottverbraucher war im April wieder mal geprägt von abwechselnd überraschenden Zukäufen, Desinteresse an weiteren Abschlüssen oder verdeckten Zukäufen in verschiedenen Regionen, um so die Einkaufspreise zu senken. Es gelang ihnen, im betrachteten Zeitraum zweimal, Preissenkungen für einzelne Zukäufe durchzusetzen und die Preise schrittweise um 10 US-Dollar pro Tonne zurückzunehmen. Aufgrund des festen Schrottangebots in den Exportländern wollten und konnten die Exporteure nicht im gewünschten Maß auf die Forderungen eingehen. Kurz vor dem Ende des Ramadan haben türkische Werke innerhalb von drei Tagen mindestens zehn Ladungen gekauft, die laut der internationalen Fachpresse fast ausschließlich aus dem Baltikum und zum Teil aus Europa stammen. Der Preis hat sich je nach Herkunftsregion bei 245 bis 250 US-Dollar pro Tonne CFR Türkei für die Sorte HMS 1/2 (80:20) stabilisiert. Die Menge an Schiffsladungen, die zur Lieferung im Juni von türkischen Verbrauchern gekauft wurden, liegt nach ersten Schätzungen bei der unerwartet hohen Anzahl von 30 bis 35 Tiefseeladungen. Offensichtlich verfügen die Hersteller über gute Absatzmöglichkeiten für ihre Baustähle.

Schlussbemerkungen
Analysten erwarten in diesem Jahr für den Euroraum einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um sieben Prozent. Es wird darüber spekuliert, wie schnell sich die Konjunktur nach den europaweit einsetzenden Lockerungen der Pandemiebeschränkungen erholt. Es erscheint mittlerweile zumindest zweifelhaft, dass sie nun unmittelbar anzieht und einen V-förmigen Verlauf nimmt, wie dies laut den Veröffentlichungen wohl in China der Fall ist. In Deutschland ist zu beobachten, dass Konsumenten ihre Kaufentscheidungen hinauszögern und Investoren-Vorhaben verschieben. Ein mögliches Hindernis für die Belebung der Wirtschaft könnten angekündigte staatliche Unterstützungen für beide Gruppen sein, deren Umfang und Verteilung die möglichen Betroffenen erst einmal abwarten wollen. Die schwierige Auftragslage bei Teilen von Stahl- und Gießereiindustrie, Stahlhandel und Automobilherstellern könnten darauf hindeuten, dass mit einer schnellen Wirtschaftsbelebung nicht zu rechnen ist. Das schwache Produktionsniveau hält das Neuschrottangebot knapp, und die ansteigenden Altschrottsammlungen werden zumindest im kommenden Monat vom guten Mengenabfluss im Tiefseemarkt kompensiert. Unter Berücksichtigung der aktuellen Marktentwicklung scheint eine Seitwärtsbewegung der Preise wahrscheinlich.

Den Jahresrückblick Schrottmarkt 2019 von bvse-Schrottmarktexpertin Birgit Guschall-Jaik lesen Sie unter www.eu-recycling.com/Archive/27519

Redaktionsschluss 22.05.2020, BG-J/bvse

(EU-Recycling 06/2020, Seite 30, Foto: Alexas_Fotos / Pixabay )

 

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